Zwei Welten treffen aufeinander – Teil 4
Carls Gefühl sagte ihm, warte ab, aber er handelte nicht nach seinem Gefühl.
Er ergriff sein Handy und wählte ihre Nummer.
Das Boot schaukelte wiegend auf dem leichten Wellengang. Lee saß auf seinem Skipperstuhl, schlürfte einen Longdrink und schaute Carl kopfschüttelnd zu.
Carls Anruf kam nicht durch. Er klappte sein Handy zu, zog ein Gesicht und schaute Lee an.
„Du bist verrückt“, meinte Lee. „Lass dein Hände von asiatischen Frauen. Sie sind nichts für Europäer. Wir selbst haben schon genügend Probleme mit ihnen und Japanerinnen sind noch schlimmer, als unsere koreanischen Mädchen“, lachte Lee.
„Ja, möglicher Weise hast du Recht“, antwortete Carl.
„Schau, mein lieber Freund, ich habe wie du, ein schönes, neues Boot, ein Haus, Freunde, einen gut bezahlten Job und Frauen, welche ich auch immer haben will. Dir geht es doch im Grunde nicht anders. Lass es dir gut gehen, genieße das Leben, die Arbeit ist schon schwer genug, denk an dich, du solltest dich nicht an eine einzige Frau verschwenden, und erst recht nicht an eine Frau, die du im Grunde gar nicht kennst. Vielleicht hat sie nur mit dir gespielt, warst du nur ein kleines Stückchen Glück… sehr wahrscheinlich sogar“, erklärte Lee.
Carl griff nach seinem Glas und nahm einen kräftigen Schluck.
„Und, wenn ich das alles gar nicht will“, fragte Carl.
Lee runzelte die Stirn.
„Was meinst du damit“.
„Ich habe alles was ich will, so wie du, aber das reicht mir nicht“.
„Reich ist, wer weiß, wann er genug hat“, zitierte Lee.
„Von dir ist das bestimmt nicht“, lachte Carl.
„Laotse“.
„Ihr mit eurem Laotse, meinte Carl, das habe ich schon mal gehört, den treffe ich in Asien an jeder Straßenecke. Wo wohnt der eigentlich“, meinte Carl lächelnd.
„Wenn du unsere Lebensphilosophie verstehen willst, woher unser Denken beeinflusst ist, unsere Kultur, unsere Art zu Denken, dann solltest du dir mal das Dao zur Hand nehmen“.
„Yuna hat so einen Spruch in ihrer Wohnung hängen“.
„Du liebst sie“, stellte Lee fest und schaute Carl auffordernd an.
„Wie kommst du darauf“, fragte Carl.
„Weil du ständig darüber nachdenkst“.
„Ich frage mich, ob es falsch ist“, erwiderte Carl nachdenklich.
„Wenn ich sage, dass ich alles habe, was ich mir wünsche, heißt das nicht, das ich das alles brauche, um glücklich zu sein, ich bin noch nicht angekommen“, antwortete Lee.
„Du widersprichst dich“, meinte Carl.
„Ich passe mich dem Lauf der Dinge an, beobachte die Welt um mich herum, frage mich, was mich morgen erwarten könnte. Wenn es so wäre, das ich morgen alles verlöre, alles was ich habe, so bliebe ich doch immer derselbe. Alles ist im Wandel. Ich arbeite hart, verlasse mich dabei aber nicht alleine auf mich selbst. Die Kraft liegt nicht im Haben sondern in der Weise wie man loslassen kann. Alles fließt. Auch ich gehe mehr oder weniger meinen Weg mit dem Dao. Du darfst dich nicht den Dingen unterwerfen, gehe mit ihnen im Einklang. Wenn du liebst, halte dich nicht daran fest, lasse dieses Gefühl los und entziehe dich seinem Einfluss. Lass dich nicht durch Wünsche und Begierden beeinflussen, handle intuitiv, lass es einfach geschehen. Im Loslassen liegt die Weisheit und Kraft, nicht im Besitz von Geld, Macht oder Gefühlen“.
„Es ist nun einmal so, dass ich das Gefühl ´habe´“, entgegnete Carl.
„Nein, mein lieber Freund. `Das Gefühl hat dich`, erklärte Lee nachdrücklich.
Carl runzelte die Stirn und dachte nach.
„Denke nicht darüber nach, ob es richtig oder falsch ist, ein Gefühl entzieht sich jeder Logik. Entscheide intuitiv. Lass dich los“, fügte Lee hinzu.
„Was sollte dann deine Warnung bezüglich asiatischer Frauen, du Scherzkeks“, fragte Carl lächelnd.
„Ihr Europäer seid zu verkopft, eure abendländische Kultur und Philosophie hat euch zu Meistern des Denkens gemacht. Ihr seid in allem so logisch. So kontrollierend. Und daher vertraut ihr nicht mehr eurer Intuition. Ihr seid nicht spontan. Ihr habt Angst vor dem Wuwei. Die Dinge in der Welt ordnen sich selbst, mein lieber Carl“.
Carl schaut ihn fragend an.
„Du hältst mir wohl gerade eine `daoistisch` verbrämte Standpauke“, knurrte Carl.
„Ruf sie an, aber lass dich nicht von deinen Gefühlen beherrschen, es wird sich fügen, die Dinge ordnen sich von selbst und wenn deine Erwartungen nicht eintreten, sie dir deiner Liebe keine Hoffnung macht, dann löse dich auch von deinen Befürchtungen und deinen Ängsten vor Dingen, die du noch gar nicht besitzt“.
Carl schaute auf sein Handy.
„Sie müsste jetzt zu Hause sein“, meinte Carl leise.
„Wenn es so ist, ist es so“, antwortete Lee und steckte sich eine Zigarette an.
Carl verdrehte genervt seine Augen, wählte ihre Nummer und hielt sich das Handy ans Ohr.
Lee grinste.
Yuna schaute auf das Display und nahm das Gespräch an.
„Hallo Carl“
„Hallo Yuna“.
„Was machen die Geschäfte“.
Carl zog ein Gesicht. Ich rufe sie an, weil ich sie… und sie fragt mich nach meinen Geschäften, was interessieren mich jetzt meine Geschäfte… , zuckte es Carl durch den Kopf.
„Gut soweit, alles Bestens. Mein Flieger geht morgen, ich kann nach Osaka kommen, du wolltest dir eine Woche Zeit nehmen, so dass ich zu dir kommen könnte…“
„Ja, brauche ein wenig Zeit für mich, du bist in Seoul, nicht wahr“.
´Zeit für mich´ wiederholte Carl in Gedanken.
„Im Moment genieße ich das Meer… auf dem Boot meines Kollegen und Freundes Lee“, erzählte er.
„Du lässt es dir gut gehen“.
„Ein paar Tage Ruhe tun mir gut, nach der Arbeit“.
„Bevor du nach Osaka kommst… zum Zeitvertreib… für eine Woche“.
Was ist denn jetzt los, dachte Carl nervös.
„Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du, das ich zu dir komme…“
„Was willst ´du´…“
Carl schaute zu Lee herüber, der Carls Worten aufmerksam zuhörte, in Carls Gesicht zu lesen versuchte und konzentriert einen Rauchkringel in die Luft hauchte.
Carl suchte nach einer passenden Antwort. Er wollte ´sie´.
Lee schüttelte bedeutungsvoll seinen Kopf, als ahnte er Carls Gedankengang.
„Ich will zu dir und sehen, was auf uns zu kommt..“
Lee nickte schmunzelnd.
„Wann kommst du am Flughafen an…“
Carl entspannte sich wieder.
„Um die Mittagszeit“.
„Ich werde dich abholen…, ich muss morgen früh noch kurz zur Universität und fahre von dort zum Flughafen.“
„Schön, ich freue mich“, meinte Carl.
„Bis morgen, Carl“.
„Fruchtig in der Vornote und trocken im Abgang“, meinte Lee lächelnd, nachdem er an seinem Longdrink genippt hatte. Du musst mir nichts erzählen“.
„Ich dachte…“
„…sie hat dich zum Vögeln zu sich eingeladen und du ‚dachtest'“, unterbrach ihn Lee.
„Bei unserem letzten… ‚Beisammensein‘, war ich in ihrem Bett“, meinte Carl süffisant.
„Ist das was besonderes“, fragte Lee.
„Für sie schon… und für mich auch. Wir waren vorher etwas Essen…, da war mehr, verstehst du“.
„Mehr, wovon“.
„Gefühle, mein Lieber, Gefühle“.
„Es ist hoffnungslos“, meinte Lee.
„Sie hatte mir im Restaurant gesagt, das ´sie´ es schön finden würde, wenn ich ein Woche zu ihr käme“.
„Liebe geht halt durch den Magen, so sagt man es doch“, lachte Lee.
„Mit dir kann man nicht reden“, raunte Carl.
„Dir scheint es wirklich nicht klar zu sein“, meinte Lee.
„Was meinst du, sprich gefälligst Klartext mit mir“, raunte Carl.
„Sie haben sie dir geschenkt, ´für eine Nacht´, durch die Blume sozusagen, dass daraus mehr für dich geworden ist, ist wohl ganz allein dein Problem.“
Carl sah ihn erschrocken an.
„Ich war schon oft geschäftlich in Japan, genauso wie du, ich weiß wovon ich rede. Ich habe angenommen, auch du wüsstest Bescheid“, erklärte Lee weiter.
„Du meinst…“
„Es ist so, glaube mir. Glaubst du tatsächlich, dass es ein Zufall war. Du hast mir geschildert, wie sie dich damals auf deinem Zimmer besucht hat und versucht hat, dir etwas klar zu machen. Sie ist ein Geschenk gewesen, nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss“.
„Sie ist eine Prostituierte… ,denkst ‚du‘. Das hat sich für mich aber anders dargestellt“, raunte Carl säuerlich und kam ins Grübeln.
„Ja und nein, du wirst es nicht verstehen“, meinte Lee.
„Erkläre es mir trotzdem“.
„Für euch Europäer muss alles immer nach euren Vorstellungen ablaufen, nicht wahr. Alles muss für jeden Teilnehmer logisch nachvollziehbar sein. Es darf keine Unstimmigkeiten geben, alles muss daher offen ausgesprochen, ausdiskutiert und vertraglich festgehalten werden, damit es ja keine bösen Überraschungen gibt. Jede These über das Leben wird zu Tode diskutiert, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, bis auf die Knochen.“
„Was ist falsch daran“.
„Nichts. Aber du bist nicht in Europa. Glaubst du tatsächlich, sie hätten dir das offen sagen sollen. ´Als dank für unseren erfolgreichen Kontrakt, schenken wir ihnen eine Nutte, die ihnen ihren weiteren Aufenthalt bei uns versüßen wird. Wir wünschen ihnen daher fröhliches Vögeln. Erachten sie es als eine Aufmerksamkeit von uns. Teilen sie uns bitte mit, ob sie nach ihrem Geschmack war´“.
Carl schaute Lee verwirrt an, der an seiner Zigarette zog.
„Das läuft in Japan anders, und bei uns ist es ähnlich, zumindest in den entsprechenden Kreisen der Gesellschaft“. fügte Lee hinzu und lächelte.
„Du meinst…“
„Ich kenne deine ´Yuna´ ja nicht… ,ich könnte dir auch andere Namen nennen“, erklärte Lee verschmitzt.
Carl dachte nach.
„Was ist mit dem ganzen Drumherum, ich meine, ihr Studium, die Wohnung und… ,es kam mir wirklich nicht so vor“, dachte Carl laut.
„Das alles ist keine Lüge, keine Fassade, es ist nur… inkognito sozusagen. Carl, sie ´kann´ nicht für dich sein, was sie für ´dich´ sein soll. Sie trägt eine Maske… ,und doch war es ´ihr´ Bett, verstehst du“.
Carl dachte an den Augenblick im Restaurant, wo ihn zuerst das Gefühl beschlichen hatte, sie hätten Yuna auf ihn angesetzt, um mehr über ihn und seinen Geschäften heraus zu bekommen, nachdem sie ihm erklärt hatte, dass sie in der gleichen Branche tätig werden wollte wie er, nach ihrem Studium. Sie hatte Angst, dass er ihr Motiv falsch verstehen könnte. Allmählich verstand er es.
Carls Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Ich hatte zuletzt das Gefühl, sie würde mehr für mich empfinden, verstehst du“, meinte Carl.
„Warum sollte sich ein japanisches ‚Freudenmädchen‘ nicht verlieben dürfen, betonte Lee. Finde es heraus, ich kann dir nicht sagen, ob es so ist, ich weiß nur, dass es für dich ein emotionales Abenteuer mit ungewissem Ausgang sein wird. Hüte dich vor deinen Gefühlen und dem, was du siehst“.
Der Zollbeamte reichte Carl seinen Pass. Die Überprüfung seines Gepäcks hatte wie immer lange gedauert.
Carl nahm seinen Pass entgegen, steuerte seinen Gepäckwagen in die Ankunftshalle und suchte zwischen den wartenden Menschen nach Yunas Gesicht.
Sie stand am Rande der Menschentraube, die sich am Ankunftsterminal drängte. Sie war ganz in Schwarz gekleidet. Ihr helles Gesicht leuchtete. Carls Herz begann zu klopfen. Ein leichtes Lächeln legte sich um ihren Mund, als Carl auf sie zu ging.
„Schön, das du da bist“, sagte sie leise und reichte ihm die Hand.
„Ich freue mich auch“, erwiderte er.
„Mein Wagen steht in der Tiefgarage“, meinte sie und steuerte einen Fahrstuhl an.
Carl wollte sie in den Arm nehmen, er spürte aber, dass sie es nicht wollte. Er fühlte eine zurückhaltende Distanz.
Er hatte sich eine herzlichere Begrüßung vorgestellt, dachte aber sofort an Lee’s Warnung.
„Ist in Korea alles nach deinen Vorstellungen gelaufen, geschäftlich“, fragte Yuna.
„Ja, jetzt bin ich hier, wie versprochen, ich habe Zeit“.
„Das ist gut, so können wir uns mit der Zeit näher kennen lernen“, antwortete Yuna. Es klang, als hätte sie Monate dafür eingeplant. Carl runzelte die Stirn und versuchte mit der Situation klar zu kommen. Er dachte an die tabulosen Eskapaden mit ihr, die erst kurze Zeit zurück lagen und jetzt erst sollte er sie kennen lernen. Verdrehte Wirklichkeit, dachte Carl. Seine Gefühle stürmten nach vorn, während seine Vernunft die Handbremse zu ziehen versuchte.
Es war eine andere Yuna, die ihn am Flughafen begrüßte. Sie war sie, nicht ihre Maske. Carl dachte an ihr erstes Zusammentreffen in ihrer Wohnung, als sie ihm ihr Spiel erklärte. Das hier war keine Spiel mehr, keine Theateraufführung, kein illusorisch verklärter Blick auf eine Bühne. Yuna kam ihm fremd vor. Wer war sie.
Yuna öffnete den Kofferraum. Carl verstaute sein Gepäck.
Sie stiegen ein.
„Du kannst bei mir wohnen“, meinte Yuna und startete den Wagen. ‚Kannst‘, fragte sich Carl in Gedanken. Wo denn sonst. Hatte im Grunde auch nichts anderes erwartet, nach Alledem. Wenn du wüsstest, wie ich Hotels hasse. Im gleichen Moment schossen ihm Lee’s Ansichten siedend heiß in den Kopf. Wenn sie eine Hure war, dann war es schon etwas ganz besonderes, wenn sie mich bei ihr wohnen lässt. Die letzte Nacht, bevor ich abreiste, hatte ich in ihrem Bett verbracht, in ‚ihrem‘ Bett. Sie fährt mit mir zu sich nach Hause, sinnierte Carl. Er erinnerte sich, wie empfindlich sie darauf reagierte hatte, als es um ihr Zuhause ging, er sich versprach, auf dem Dach des Einkaufszentrums, danach. Carl war angespannt. Es herrschte eine seltsame Stimmung.
Yuna schwieg während der Fahrt. Carl beobachtete den Verkehr.
Er fand sich nicht zurecht, erkannte aber doch, das Yuna nicht in Richtung ihres kleinen Apartments fuhr. Sie steuerte den Wagen in Richtung Stadtrand.
„Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir bei mir Zuhause“, erklärte Yuna plötzlich, als hätte sie Carls Gedanken gelesen. „Ich habe mir wie versprochen ein Paar Tage frei gehalten. Ich muss nicht zur Universität. Wir sind da.“
Yuna hielt vor einem mehrstöckigen Wohnhaus im modernen Stil, dessen Fensterscheiben dunkel getönt waren. Yuna bediente eine Fernbedienung, die das Tor zur Tiefgarage hoch fahren ließ und steuerte hindurch. Sie hielt auf einem nummerierten Parklatz. Sie schaute in den Innenspiegel und kontrollierte ihr Make-up, dass sie wie immer dezent aufgetragen hatte. „Du bist schön“, sagte Carl und schaute sie an. „Ich sehe in der letzten Zeit immer nur dein schönes Gesicht vor mir.“ Carl nahm allen Mut zusammen. „Du weißt, das ich dich liebe“, erklärte er und legte alle Hoffnung in seine Stimme. Sie lächelte zunächst. Ihr Gesicht nahm wieder ernstere Züge an.
„Wenn du siehst, was ich bin, wirst du mich nicht mehr wollen. Wenn du aber erkennst, wer ich wirklich bin, wirst du mich lieben“, erklärte sie. Es hängt nicht von mir ab oder von Anderen, es hängt allein von dir ab, was ‚du‘ in mir siehst. Das ist meine Hoffnung. Es ist schon schwierig für manche Japaner. Du wirst loslassen müssen, was du jetzt in mir siehst, um mich zu bekommen. Nicht, weil ich dich nicht will, es ist deine kulturelle Herkunft, die uns trennt, sie verhindert das, was du zu verstehen meinst, wenn du sagst, ‚ich liebe Yuna‘.“
Carl schaute sie entgeistert an. Er verstand kein Wort.
„Du wirst es verstehen müssen. Willst du mich überzeugen, so muss ich mir ebenfalls deiner sicher sein, um deinetwegen“, meinte Yuna, die sein Gesicht musterte. „Du hast keine Wahl. Lass dich darauf ein und versuche zu verstehen oder vergiss mich“.
„Ich kann dich nicht vergessen“, erwiderte Carl.
„Vergiss Yuna…, sieh mich an“, sagte Yuna.
Carl dämmerte es.
„‚Wer‘ bist du“, fragte er sie.
Yuna schmunzelte.
„Die, die dich an die Hand nimmt. Du kannst sie jeder Zeit los lassen. Wir werden heute Nacht eine private Theateraufführung besuchen, für einen ausgesuchten Zirkel von hohen Persönlichkeiten aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Es wird dir seltsam vorkommen, aber, was immer du siehst, lasse es einfach auf dich wirken, es wird sich wahrscheinlich deinem Verständnis entziehen“, eröffnete Yuna ihm. „Lass uns jetzt nach oben gehen, du hast sicher Hunger“.
Der Fahrstuhl öffnete sich. Yuna betrat den Flur und öffnete die Wohnungstür. Carl betrat hinter ihr die Wohnung. Das Penthouse lag in der obersten Etage. Yuna legte ihr schwarzes Jackett ab und hing es an eine Garderobe im Entree zu ihrem Wohnzimmer. „Deine Koffer kannst du später auspacken. Lass uns erst etwas essen“, meinte sie, ging in Richtung Wohnzimmer, warf ihre Handtasche auf eine große, vanillefarbene Ledergarnitur, die in Hufeisenform um einen riesigen, ovalen Glastisch gruppiert war und verschwand durch eine Glastür in Richtung Küche.
Carl schaute sich staunend um. Die Größe des Wohnzimmers alleine hätte einer durchschnittlichen, japanischen Familie zur Wohnung genügt. Die getönten Fensterscheiben reichten bis zum Boden und warfen ein gedämpftes, aber angenehmes Licht in den Raum. Das Interieur war in hellen Farbtönen gehalten und wurde nur durch die bunten Farben der Bilder unterbrochen, die geschickt akzentuiert an den cremefarbenen Wänden hingen. Carl entdeckte einen Chagall. „Wir können hier essen oder in der Küche“, meinte Yuna und zeigte dabei auf einen milchweißen Marmortisch, der in einem Winkel des Wohnzimmers stand. Carl schaute sie fragend an.
„Hier lebe ich, im kleinen Apartment studiere ich“, sagte sie.
Carl schaute sie an, ging aber nicht auf ihre Anmerkung ein.
„Das ging aber schnell, mit dem Essen zubereiten“, meinte Carl schmunzelnd.
Yuna lächelte. „Ich hatte schon etwas vorbereitet.“
„Ich ziehe die Küche vor, ich schaue dir gern beim Kochen zu“, entgegnete Carl schließlich. Yuna lächelte wieder.
Er betrat die Küche. Yuna zeigte auf einen kleinen Tisch, der schon mit Schalen, Tellern und Stäbchen eingedeckt war.
Carl schmunzelte. Reine Höflichkeit, dachte er, obwohl sie mich richtig einzuschätzen weiß. Süße Maus.
Yuna hatte ein kleines Menü zubereitet, stellte die Speisen auf den Tisch und setzte sich zu Carl. „Ich hoffe du magst Sushi. Leider hatte ich heute nicht viel Zeit.“
„Mache dir keine Gedanken, zum einen habe ich im Flugzeug etwas gegessen und zum anderen ist Sushi jetzt genau das Richtige. Ich mag es.“
Carl warf einen Blick in die Küche, die modern eingerichtet war. Es fehlte in Yunas Wohnung an Nichts, ja, sie wirkte edel. Durch ihre Tätigkeit in der Hotelbar kann sie sich das unmöglich leisten, ein Apartment in der City und dieses Penthouse, dachte Carl. Er hatte viele Fragen, suchte nach Antworten, wollte aber nichts überstürzen. Yuna würde es ihm erklären, auf ihre Weise, da war er sich sicher.
„Ich werde nächste Woche mit meiner Abschlussarbeit beginnen. Unabhängig vom Ergebnis, habe ich bereits eine feste Zusage für eine Anstellung im Management, für ein Jahr“, meinte Yuna.
„Das ist wunderbar, dann hast du ja erreicht, was du wolltest, ich freue mich für dich, Yuna.“
„Es wird für mich eine harte Zeit. Ich werde mich ganz und gar auf meine Arbeit konzentrieren müssen, wenn ich weiter kommen will. Wenn sie mich nach dem ersten Jahr fest einstellen, stehen mir Tür und Tor offen. Zum Konzernmanagement dieser Firma zu gehören, ist eine besondere Auszeichnung, nicht nur beruflich, auch gesellschaftlich.“
„Ich verstehe genau, was du meinst“, antwortete Carl. Es würde mir zwar nicht genügen, dich alle Paar Wochen zu sehen, nur mit dir zu telefonieren, aber ich respektiere es. Mir geht es genauso. Wir tragen große Verantwortung für das, was wir machen, insbesondere für das, was wir uns vertraut gemacht haben, nicht nur für uns selbst.“ Carl hatte diesen letzten Gedanken in einem kleinen Buch gelesen und sich diesen zu seiner Lebensmaxime gemacht.
Yuna schaute ihn an.
„Ja, du hast recht. Darum geht es.“
„Man bekommt im Leben immer einen kleinen Vertrauensvorschuss, den Rest muss man sich erarbeiten. Das geht nur mit Offenheit, Respekt und Aufrichtigkeit, will man eine dauerhafte Verbindung aufbauen, das gilt für geschäftliches und privates“, meinte er. Carl ging in die Vollen. Er wusste, wo der Nerv saß und wie man ihn traf, ohne das es weh tat. Diesen Grundsatz vertrat er bei allen geschäftlichen Verhandlungen, gerade mit japanischen Geschäftspartnern und diese wussten es zu schätzen. Er redete nie um den heißen Brei. Jeder wusste, worauf es Carl ankam.
„Jedem kommt es auf seinen Erfolg an, aber nur gemeinsam kann man mehr daraus machen“, fuhr er fort.
Yuna hörte aufmerksam zu.
„Dennoch bleiben bei allen Gemeinsamkeiten unausgesprochene Differenzen zurück“, meinte Yuna.
„Das ist eine Frage der Kultur, der Gesprächskultur. Unser Aufgabe ist es doch zu lernen, genau hin zu schauen, den Anderen verstehen zu wollen, zu akzeptieren. Das geht nicht von Heute auf Morgen, das braucht Zeit.“
„Manches wird man nie verstehen“, wendete Yuna ein.
Carl dachte nach. Die Antwort darauf war entscheidend.
„Dann gilt es, mit dem Herzen zu sehen.“
Yuna lächelte.
„Du hast dich wohl mit Laotse beschäftigt. ‚Geliebt zu werden macht uns stark. Zu lieben macht uns mutig'“, zitierte Yuna.
Carl ging in die Offensive.
„Nein. Antoine de Saint-Exupéry“, antwortete Carl. ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar‘. Es gibt sicher viele Unterschiede zwischen dir und mir. Wenn man den anderen verstehen will, sollte man mit Gemeinsamkeiten beginnen. Es gibt Weisheiten, die keine Grenzen kennen. Nur Mut.“ setzte er hinzu.
Yuna schaute ihn erstaunt an und suchte in seinem Gesicht zu lesen.
„Zeige mir mehr von dir, als ich schon weiß, der Rest wird sich ergeben, wie auch immer…, ich werde offen sein zu dir, weil ich das auch von dir erwarte, Yuna…, wann sollte man sich entscheiden, bevor man alles weiß oder nachdem man alles weiß?“, meinte Carl und schaute Yuna an.
Ich liebe dich zwar, aber nicht blind. Ich werde dir auf den Zahn fühlen, mein süßer Engel, dachte Carl.
Yuna dachte schweigend nach. Sie spürte, dass es Carl ernst war mit ihr. Dennoch fürchtete sie sich davor. Die Unterschiede schienen unüberbrückbar.
„Wenn ich dir zeige, wer ich bin und was ich mache, bin ich dir ausgeliefert“, meinte Yuna.
„Ich liebe dich“, antwortete Carl.
„Wärst du ein Japaner, ein ansässiger, uneingeweihter Geschäftsmann, würde es uns im Wege stehen“, antwortete Yuna
Carl schaute sie an. Dies war der einzige Unterschied, der sie miteinander verband, wurde es Carl plötzlich klar. Es war ein Eingeständnis.
„Wenn es so ist, dann darfst du dich in meiner Gegenwart frei fühlen.“
Yuna dachte nach.
Carl schaute sie an. Sie hatten nur eine Woche. Es wird Zeit für Antworten.
„Was hast du für mich bekommen“, fragte Carl.
Yuna stocherte in ihrem Salat.
„Nichts, du irrst dich.“
„Du arbeitest in einer Hotelbar, zeitweise, und du kannst dir ein Apartment und dieses Penthouse davon leisten?“, konstatierte Carl sachlich.
„Meinem Vater gehört das Hotel und einige mehr, er bezahlt meine Wohnungen, mein Studium, er ermöglicht mir alles. Ich arbeite dort, weil ich ihm etwas zurück geben will, so wenig es auch scheint, es ist ein Zeichen meines Respektes für das, was er für mich tut. Es geht nicht ums Geld. Doch das ist nur die eine Seite meines Lebens. Er weiß von einigen Dingen nichts. Als ich dich auf deinem Hotelzimmer aufsuchte, habe ich viel riskiert und in meinem Apartment habe ich dir nichts vor gemacht.
Carl schluckte. Er schaute konsterniert, fasste sich aber schnell wieder.
„Dann war es ein Zufall, dass du für den gleichen Konzern arbeiten wirst, mit dem ich ein Geschäft abgewickelt habe?“
„Nein.“
Carl schaute sie fragend an.
„Ich wusste nicht, dass du es bist“, fügte sie leise hinzu.
Carl verstand noch weniger. Er schwieg und hört zu.
„Ich bin frei in meinen Entscheidungen…, deine Firma wird einen großen Marktanteil in Asien erwerben und der japanische Konzern wird euch Türen dazu öffnen, haben sie dir gesagt. Du hast die Basis dafür geschaffen. Ihr habt das Knowhow, Japan den Markt, noch. Du willst wissen, wie viel ich bekommen habe…, es hätte mich etwas gekostet. Hundertvierzig Millionen Dollar für den Konzern oder dich, es geht mir nicht ums Geld. Ich habe mich für dich entschieden, ohne das andere aus den Augen verlieren zu dürfen.“
„Woher kennst du die Einzelheiten und Zahlen“, fragte Carl.
„Ich habe Ohren“, antwortete Yuna.
„Arbeitest du für sie, ich meine…“
„Ja und Nein. Ich genieße Respekt und einen gewissen Einfluss, und doch habe ich manchmal keine Wahl.“
„Du hast dich für mich entschieden.“
„Ja, es macht mir Angst“, flüsterte sie.
Yuna schaute gedankenverloren auf ihren Teller.
Carl dachte nach. Er versuchte die Puzzleteile zusammen zu fügen.
„Wir haben das Knowhow“, meinte Carl nachdenklich in die Stille.
Yuna blickte ihn an.
„Ich liebe dich, Carl, aber unsere Liebe hat keine Chance.“
„Das will ich herausfinden“, antwortete Carl mit fester Stimme.
„Heute Abend nehme ich dich an die Hand“, meinte Yuna.
Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und hinterließ bunt schimmernde Tröpfchen auf den Scheiben. Die Scheibenwischer schmierten über die Frontscheibe hinweg und malten klebrige Halbkreise. Das Taxi fuhr in Richtung Peripherie der Millionenmetropole und blieb vor einem Hochhauskomplex stehen, der in einer parkähnlichen Landschaft eingebettet stand.
Sie stiegen aus dem Taxi. Carl schaute auf das Bauwerk und ließ seinen Blick an der Fassade in die Höhe wandern. Der riesige, gläserne Betonklotz bohrte sich wie eine Lanze in den nächtlichen Himmel. Nach einem klassischen, japanischen Theater sieht das Gebäude nicht aus, dachte Carl.
Yuna schaute Carl an.
„Ein Bürogebäude“, meinte Carl mit fragendem Unterton.
„Oft verbirgt sich hinter der Wirklichkeit etwas anders, als man gemeinhin erwartet“, meinte sie rätselhaft.
„Gehen wir“, sagte sie, hakte sich unter Carls Arm und steuerte einen Seitenflügel des Gebäudes an.
Nach einer Weile erreichen sie einen schmalen, gläsernen Nebeneingang. Yuna zog eine weiße, nichtssagende Chipkarte aus ihrer Handtasche, die außer des Chips, keine weiteren Anhaltspunkte auf ihre Beziehung zu diesem Gebäude erkennen ließ. Der Türriegel sprang unter leisem Summen auf. Yuna drückte die Tür auf.
Sie betraten einen Flur, der mit hellem Marmor ausgelegt war und im Licht der Notbeleuchtung in geheimnisvollem Grün fluoreszierte.
Yunas Schritte klangen wie das Ticken eines Metronoms und warfen ein rhythmisches Echo durch den langen, leblosen Betonstollen, der sich an seinem Ende in einen nur spärlich beleuchteten Treppenaufgang verlor.
Yuna führte Carl eine Etage nach unten, bog in ein paar Gänge des Untergeschosses und blieb vor einer auf Hochglanz polierten Fahrstuhltür stehen. Sie steckte die Chipkarte in einen Kartenterminal. Es dauerte nur Sekunden bis der Fahrstuhl kam und sich die Tür öffnete. Carl sah auf der Tastenkonsole, dass hier schon die oberste Etage war, die dieser Fahrstuhl erreichen konnte. Alle anderen Fahrziele führten von hier aus in eine Richtung. Bis zu drei Etagen nach unten. Yuna wählte die unterste Ebene. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Die Fahrstuhltür öffnete sich. Carl war verblüfft. Entgegen der ausdruckslosen Kälte der oberen Flure, gab es hier einen lachsfarbenen, extravaganten, mit feinen Mustern durchwebter Teppichboden und mit beigen Stoffen bespannte Wände, die zahlreiche Bilder, kunstvolle Drucke und Zeichnungen schmückten. Ein warmes, sanftes Licht spendeten kleine Wandleuchten, die mit bemalten Papierschirmchen dekoriert waren und ein mattes, goldgelbes Licht auf die Wände malten.
Carl warf im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf die alten Holztafeln und Zeichnungen an den Wänden. Die Darstellungen erinnerten ihn an Illustrationen des Kamasutra. Sie zeigten verschiedene erotische Akte, auf denen Paare in unterschiedlicher Weise miteinander kopulierten oder andere sexuelle Handlungen vornahmen.
„´Shunga´, sie sind echt“, meinte Yuna nur. „Sehr alt, selten und teuer“.
Yuna ging eine Treppe hinauf und bog in einen Seitengang, von dem aus in regelmäßigen Abständen mit kunstvoller Ornamentik versehene Türen in Räume führten. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern in Abendgarderobe traten durch die Türen und verschwanden. Sie hielten Champagnergläser in der Hand. Ein Mann verneigte sich höflich aus der Ferne, als er Yuna erblickte und verschwand durch eine Tür.
„Wir müssen hier entlang“, gab sie zu verstehen. Yuna steuerte auf eine Tür zu, neben der eine Frau in höfisch traditioneller Kleidung stand. Sie öffnete Yuna die Tür und verbeugte sich tief vor ihr und Carl. Sie betraten eine kleine, separate Loge, die unter ihnen den Blick auf eine Bühne freigab, die nur spärlich ausgeleuchtet war. Yuna und Carl setzten sich.
Die Ränge ringsherum lagen im Dunkel. Niemand war zu sehen, aber Carl spürte die Anwesenheit der Menschen anhand flüsternder Geräusche. Carl hatte den Eindruck in einen kleinen, miniaturisierten Opernsaal zu schauen, nur mit dem Unterschied, dass die kleine, rechteckige Bühne den gesamten Raum des Parketts unter ihnen einnahm. Die Zuschauer saßen auf zwei Ebenen in einem Karree um die Bühne herum angeordnet. Es erinnerte ihn an ein Atrium, einen umlaufenden Säulengang, in dessen Mitte ein Ziergarten lag. Carl war erstaunt und musste sich in Erinnerung rufen, dass dieses Gebäude drei Stockwerke unter der Erde lag und der Himmel über der Bühne aus vielen kleinen Lichtern bestand, die einen täuschend echten Sternenhimmel imitierten.
Türen gingen auf der gegenüberliegenden Seite auf, ließen die dunklen Silhouetten von Menschen hindurch schlüpfen und schlossen sich hinter ihnen wieder.
Die Ränge und Logen schienen sich allmählich zu füllen. Carl versuchte sich zurecht zu finden.
Mehr und mehr gewöhnten sich seine Augen an das gedämpfte Licht der Bühnenbeleuchtung, das von dort gespenstisch auf die bunt bemalte, hölzerne Balustrade des unteren Ranges reflektierte, hinter der die geladenen Zuschauer dennoch in einem intimen Zwielicht verborgen blieben.
Die seltsam mystische Atmosphäre dieser geheimnisvollen Theaterarena machte ihn ein wenig nervös.
Carl war auf der Fahrt mit dem Taxi alle möglichen Orte in Gedanken durch gegangen, zu denen Yuna ihn hätte führen können, aber einen solchen, ungewöhnlichen Platz, verborgen unter einem modernen, nichtssagenden Bürokomplex, hatte er sich nicht vorstellen können.
Yuna ist hier nicht das erste Mal, kam es Carl in den Sinn, zumal sie eine Chipkarte besitzt, die ihr einen freien Zugang in diese verborgenen Katakomben ermöglicht. Sie scheint hier keine Unbekannte zu sein.
Der leise Klang einer Laute war nun zu hören. Sie stimmte eine melancholische Melodie an und ließ das verhaltene Murmeln in den Rängen schlagartig verstummen. Das Bühnenlicht wurde etwas aufgezogen und gab den Blick auf die Kulissen frei.
Carl blickte tief beeindruckt auf die Bühne unter sich.
Eine aufwendig gestaltete, pittoreske Gartenszene präsentierte sich dem Zuschauer. Eine außergewöhnliche Theaterbühne mit einer lebensgetreuen Dekoration.
Da präsentierte sich ein überschaubarer, kunstvoll angelegter, japanischer Teegarten, wie man ihn in öffentlichen Parkanlagen oder privaten Gartenlandschaften vorfand. Ein kleiner Quell in einem Steingarten ergoss sein Wasser an Blumenbeeten, Farnen, Bambuswäldchen und Bonsaiarrangements vorbei, in einen sich durch die gesamte Szene schlängelnden, mit großen Kieseln und Moosen geschmückten Bachlauf. Er schmiegte sich an einen kleinen Platz, der sich, mit in grauen Kies eingeharkten, wellenförmigen Ornamenten versehen, vor einem kleinen Teehaus befand. Dort stand in reinem Licht getaucht eine steinerne Bank, die aus einem Stück Fels gehauen schien. Das Wasser setzte klöppelnde Bambuswippen und hölzerne Schaufelräder in Gang, wanderte unter einer kleinen Bogenbrücke hindurch und strömte schließlich über Steinterrassen in einen Teich, auf dem rote Blüten schwammen.
Schmale Fußwege wanden sich durch die Beete an Steinlaternen vorbei, wurden hier und dort durch den Wasserlauf unterbrochen und endeten schließlich vor der steinernen Bank.
Nach einer Weile erstarb der Klang der Laute und wurde durch leises Trommeln und einem lauter werdenden Klappern ersetzt.
Ein Mann in einer prachtvollen, historischen Uniform gekleidet trat aus dem Dunkel des Bühneneinganges durch ein Tori in den Garten hinein. Es schien Carl, als käme er aus dem Nichts.
„Ein General“, flüstere Yuna.
Seine erhabene, theatralische Stimme zerriss das erwartungsvolle Schweigen des Theaterraumes und versetzte die Zuschauer in nervöse Anspannung. Seine feste, harsche Stimme erklang akzentuiert und untermauerte seine Worte mit einem beschwörenden Unterton.
Er durchschritt dabei den kleinen Garten, blieb hin und wieder stehen, schaute auf den Bachlauf und tat, als spräche er mit sich selbst. Er hockte sich vor eine Wasserwippe, griff in das Rinnsal und ließ es durch seine Finger fließen. Ein lauter Trommelschlag erklang. Er schaute erschrocken auf, blickte in Richtung Teehaus und verschwand mit schnellen Schritten aus der Szenerie ins Dunkel zurück.
Eine Frau in einem roten, mit Goldfäden durchwebten Kimono gekleidet, betrat in Begleitung ihres Gefolges den Garten. Sie tippelte auf traditionellen, hölzernen Schuhen und trug ihre Haare hoch drapiert. Ihr Gesicht war auffällig geschminkt, wie Carl es von den Geishas kannte. Sie stellt wohl eine hochgestellte, aristokratische Dame dar, dachte Carl. Ein General. Eine vornehme Frau, eine Prinzessin vielleicht, begleitet von ihren Bediensteten, sinnierte er.
Eine Kammerzofe begleitete die Dame, indem sie einen großen, mit Kirschblüten und Lilien bemalten, papierenen Sonnenschirm über sie hielt. Vier Soldaten folgten hinter ihnen und eskortierten sie schützend.
Die Dame schritt auf die Quelle zu, nahm eine kleine Gießkanne, die in der Nähe stand, befüllte sie mit etwas Wasser und begoss mit wenigen Tropfen einen der Bonsai am Wasserlauf. Der dünne Ausguss der kleinen Gießkanne war armlang und besaß an seinem sich verjüngenden Ende, eine kunstvoll gearbeitete Mündung, die an eine Rosenknospe erinnerte. Sie sprach dabei mit ihrer Kammerzofe, die eine kurze Antwort gab und sich verneigte.
„Phallus“, flüsterte Yuna.
Langsam durchschritt die edle Dame monologisierend mit ihrem Gefolge den Garten in Richtung Teehaus. Sie stellte die Gießkanne beiseite, wandte sich um und trat auf die Bank zu.
Carl schaute aufmerksam zu und versuchte in den langsamen Gesten ihrer Hände und in ihrem maskenhaften Mienenspiel zu lesen, da ihm die exotische Sprache keine Anhaltspunkte lieferte. Ein fremdartiger Zauber lag über der Szenerie.
Die vornehme Frau setzte sich auf die Bank. Sie gab der Kammerzofe ein aufforderndes Zeichen sich neben sie zu setzten. Die Zofe reichte einem Soldaten den Schirm und setzte sich. Einer der Soldaten gab ein Kommando. Die Soldaten postierten sich in ihrer Nähe.
Die Dame sprach zu ihrer Zofe und legte dabei eine Hand auf deren Brust. Erst jetzt bemerkte Carl, dass die Zofe nicht mit einem Kimono sondern nur mit einem seidenen Umhang bekleidet war, der durch eine breite Schärpe um ihre Hüfte gehalten wurde. Die Dame sprach ein paar Worte zu ihr und gab dann mit der Hand ein Zeichen. Zwei weitere Zofen hatten sich bereits im Teehaus eingefunden und betraten nun die Szene. Die eine trug einen winzigen Tisch aus dem Teehaus herbei und stellte ihn vor die Bank, während die andere Zofe Schalen und ein Trinkgefäß darauf platzierte. Sie füllte Tee aus einer Kanne in eine Schale und reichte sie der Dame. Die Zofen verneigten sich und stellten sich neben sie auf.
Die Dame trank bedächtig und sprach dann in lautem, aufforderndem Ton, welcher die Kammerzofe veranlasste, ihren Umhang so weit zu öffnen, dass eine Brust zum Vorschein kam. Carl runzelte die Stirn und schaute gebannt auf das Geschehen.
„Kakeru“, flüsterte Yuna.
Die Zofe nahm eine kleine Schale, führte sie unter ihre Brust und begann sie zu massieren. Es dauerte nicht lange, bis ein paar Tropfen in die Schale flossen. Schließlich reichte die Zofe der Dame die Schale, die daraufhin mit erboster Miene ein paar harsche Töne von sich gab und den anderen Zofen, die in der Nähe standen, einen Wink mit der Hand zuwarf.
Die Kammerzofe stand auf.
Die beiden Zofen traten auf die Kammerzofe zu und entkleideten sie.
Die Dame sprach die beiden an. Es klang wie ein Befehl. Sie stellten sich vor die Kammerzofe, die mit ehrerbietig gesenktem Kopf vor der Bank stand, beugten ihre Oberkörper und begannen je eine der Brüste mit dem Mund zu stimulieren. Sie leckten über die Brüste der Kammerzofe und begannen an deren Nippel zu saugen. Die edle Dame trank unbeeindruckt ihren Tee, während die Kammerzofe neben ihr stand und leise wimmerte.
Dann ließ eine der Zofen von ihr ab, ging zum Tisch, nahm die kleine Schale und hielt sie abwechselnd unter die Brüste. Die andere Zofe massierte währenddessen die Brust und drückte langsam die Milch heraus, die in kleinen Bögen in die Schale spritzte.
Es herrschte Totenstille im Publikum und manchmal erklang ein leises, gurgelndes Geräusch aus dem sich füllenden Gefäß zu ihnen herauf.
Carl traute seinen Augen nicht. Er sah gebannt zu. Noch nie hatte er eine solche Aufführung gesehen, sie sich überhaupt vorstellen können. Er war irritiert und doch fasziniert. Was für eine seltsame Welt hatte er heute Abend betreten.
Yuna schaute ihn aus den Augenwinkeln an und betrachtete sein schemenhaftes Gesicht, dass wie versteinert auf die Bühne gerichtet war.
„Bukkakeru“, flüsterte Yuna.
Carl schaute sie entgeistert an.
„Später“, setzte sie leise hinzu.
Carl schaut wieder auf die Bühne und sah aus den Augenwinkeln den General, der sich am gegenüberliegenden Ende des Gartens hinter Bambus versteckt hielt und das Geschehen aus seiner Deckung beobachtete.
„Ein Geschenk an seine Geliebte, er selbst kann es nicht tun, er ist General bei Hofe“, flüsterte Yuna.
„Es verweist auf seine Begierde“.
Carl verstand allmählich den Hintergrund.
Die Zofe stellte die mit Milch gefüllte Trinkschale mit zeremoniellem Gebaren auf den Tisch und verneigte sich vor der Dame.
Die Dame gab einen lauten Befehl. Eine Trommel erklang leise, während eine junge Frau von einem Soldaten begleitete in die Szene geführt wurde. Sie ging barfüßig und trug einen schmutzigen, abgewetzten Umhang. Ihr langes, schwarzes Haar war zu einem Zopf gebunden.
Eine der Zofen holte ein großes, rotes Kissen und drapierte es in der Nähe des kleinen Tisches auf den Boden. Der Soldat stieß die junge Frau hinüber und befahl ihr mit einer auffordernden Gebärde seines Armes sich darauf zu knien.
Ein weiterer Befehl erklang. Einer der Soldaten salutierte und verschwand schnellen Schrittes durch das Tori von der Bühne. Die Zofen machten sich derweil daran, den Zopf der jungen Frau zu öffnen und ihr langes, schwarzes Haar um deren Schultern zu legen.
Schließlich betrat der Soldat wieder die Szene. In seinem Gefolge hatte er Männern, deren Reihe bis in das Dunkel des Bühneneinganges reichte. Die Männer waren nackt, trugen jedoch Helme, die mit ledernem Wangenschutz ausgestattet waren und so ihr Gesicht unkenntlich machten. Carl wurde nervös und ahnte, was die nächste Szene beinhalten würde. Die vornehme Dame gab einen Befehl und zeigte auf die junge Frau. Ein Soldat setzte sich in Bewegung und schritt auf die junge Frau zu.
Diese erhob sich vom Kissen. Eine der Zofen trat vor sie und nahm ihr den Umhang ab. Der Soldat baute sich neben ihnen auf, zog sein Schwert und hielt es drohend vor das Gesicht der jungen Frau.
Die andere Zofe empfing derweil die nackten Männer und führte sie in die Nähe der vornehmen Dame, die nun von ihrer Bank aufstand und sie in Empfang nahm. Sie schaute auf die nackten, männlichen Körper, begutachtete deren Genitalien, nahm sie in die Hand, musterte diese genau und sprach die Zofe an. Die Zofe ließ sich anmutig auf ihre Knie herab. Der erste Mann in der Reihe stellte sich vor sie.
Es war wie ein heiliges Zeremoniell. Die Zofe führte ihre Hand an sein Glied, nahm es bedächtig zwischen Daumen und Zeigefinger, zog die Vorhaut langsam zurück und berührte die Eichel so zaghaft mit ihrer Zungenspitze, als hätte sie Angst, sie entweihte mit ihrem Handeln ein Kunstwerk. Schließlich ließ sie ihn in ihren Mund gleiten. Verhaltenes Trommeln und klingendes Schellen untermalten den Ablauf.
Nach einer Weile ließ sie von ihm ab. Der Mann trat nun mit seinem erigierten Penis hinüber zur jungen Frau und stellte sich hinter sie. Jene bückte sich sofort unter dem lauten Befehl des Soldaten. Sie ergriff die Hände der Zofe, welche vor ihr Stand. Der Erste drang in sie ein und penetrierte sie hart, während der Nächste in der Reihe vor die knienden Zofe trat, die sich mit gleichem Gehabe über seinen Riemen her machte. Die junge Frau keuchte und kreischte leise bei jedem wuchtigen Stoß, während sie in gebückter Haltung an den Armen der Zofe gehalten wurde.
Einer nach dem anderen trat vor und penetrierte die junge Frau eine kurze Zeit. Keiner der Männer erreichte einen Orgasmus. Carl wunderte sich zunächst darüber, dass es so schnell ging. Nachdem aber der Erste der Männer von der jungen Frau abließ, vortrat und in eine große Schale ejakulierte, die ihm die Kammerzofe hin hielt, wurde ihm klar, dass das nur eine Ankündigung sein sollte, für eine Szene, die noch kommen würde. Die vornehme Dame hatte sich derweil hinter die junge Frau gestellt und beobachtete genau, wie einer nach dem anderen sie penetrierte. Schließlich ging sie in Richtung ihrer Kammerzofe und schaute in die Schale, während die Männer hinein ejakulierten. Es sah aus wie bei einem opulenten Festessen, auf dem die Gastgeberin sich sorgend danach erkundigte, ob alles reibungslos und zur Zufriedenheit ihrer Gäste bereitet war. Die Männer verschwanden, nachdem sie in die Schale ejakuliert hatten, von der Bühne. Die Reihe an Männer schien jedoch kein Ende zu nehmen. Carl schaute entgeistert auf die Inszenierung und beobachtete, wie manche der Männer, bevor sie in die junge Frau eindrangen, sich mit einer Hand etwas auf ihren Penis schmierten. Ein Gleitmittel, dachte Carl, anders ist es wohl kaum für die junge Frau auszuhalten.
Die vornehme Dame unterbrach die Vorstellung der Männer mit einer Handbewegung und sprach ein paar Befehle. Carl schätzte, das zu diesem Zeitpunkt etwa zwei Dutzend Männer in die Schale ejakuliert hatten. Die Reihe der noch Wartenden nahm jedoch kein Ende. Die junge Frau richtete sich auf und wurde zur steinernen Bank geführt. Das Kissen wurde darauf gelegt. Die junge Frau kniete sich darauf. Ihr langes Haar wurde um ihre Schultern drapiert und ihre Hände und Füße von einem der Wachsoldaten, der vor dem Teehaus postiert war, auf ihrem Rücken mit einer Kordel zusammen gebunden. Er band ihren Oberkörper mit schnellen, virtuosen Bewegungen in einen Kokon aus Schnüren. Sie wurde auf diese Weise in eine Zwangshaltung gebracht, die ein Aufstehen unmöglich machte. Die Männer traten nun einer nach dem anderem vor die Steinbank. Sie wurden von der Kammerzofe empfangen, die sich neben sie stellte. Der Zofe, welche die Männer vorher mit ihrem Mund befriedigt hatte, wurde etwas gereicht. Sie stellte sich hinter die junge Frau, legte ihr eine Lederschlinge um den Hals, hakte an ihr ein Kette in eine Öse und zog an deren Ende, um ihren Kopf in eine aufrechten Position zu bringen. Carl erschrak innerlich, jedoch ahnte er, dass es hier um etwas anderes ging, als er zunächst vermutete. Es war kein Gewaltakt, der sich ihm darbot. Eine seltsame Stimmung beschlich ihn, als er das hübsche Gesicht der jungen Frau betrachtete, die erwartungsvoll den Ersten anblickte und dann die Augen schloss. Carl glaubte, etwas freches, aufsässiges in ihrem Blick erkannt zu haben, als wollte sie die Männer trotz ihrer aussichtslosen Lage verspotten.
Die Männer hielten ihre Hände nach hinten und reckten ihren Unterleib vor das Gesicht der jungen Frau, während die Kammerzofe die Schwänze in die Hand nahm, sie rhythmische massierte und sie, sobald sich ein Orgasmus ankündigte, über das Gesicht der jungen Frau hielt. Das leise Stöhnen der Männer drang aus dem Garten herauf. Dünne, glasige Fäden legten sich nach und nach auf das hübsche Gesicht, über Haare, Augen, Nase und Mund, verbanden sich allmählich zu tranigen Bächen, sickerten über ihre schmalen Schultern auf den Rücken, tropften behäbig von ihrem Kinn auf die kleinen Brüste und verwandelten ihren Oberkörper in eine schimmernde Skulptur. Carl beobachtete die endlose Reihe der Männer, zu denen sich anscheinend immer mehr aus dem Dunkel des Bühneneinganges gesellten.
Carl rutschte nervös auf seinem Sitz nach vorn. Er war sichtlich erregt. Einerseits wähnte er sich in einem bizarren Traum, andererseits wusste er, dass Yuna ihn in eine unbekannte, reale Welt entführt hatte, die ihren eigenen Gesetzten und Spielregeln folgte. Es war ihm unheimlich zu wissen, das nicht nur er dem Schauspiel folgte. Viele Frauen und Männer saßen im Publikum und genossen auf ihre Weise die seltsam anmutende Aufführung. Eine Aufführung, die seine Vorstellungskraft und Wahrnehmung erschüttern ließ. Diese sexuelle Spielart war ihm nicht unbekannt. Aber in einem solchen Rahmen wurde sie zu etwas, das er nicht einordnen konnte. Sie erschien ihm nah, aber doch ungreifbar fern, unbestimmt und irreal. Ja, sie wirkte grotesk. Er konnte und wollte sich keinem Urteil nähern. Es war ihm zu fremd.
Die vornehme Dame schlich um die gebundene Frau und sprach in lautem Ton. Schließlich unterbrach sie mit einer Handbewegung für einen Augenblick die Szene, ging zum kleinen Tisch, griff nach der kleinen Schale mit der Milch und führte sie an die Lippen der jungen Frau. Sie öffnete ihren verklebten Mund und trank sie mit geschlossenen Augen.
„Gokkun“, flüsterte Yuna.
Carl hörte es zwar, schaute aber weiter gebannt auf den Akt.
Die übrigen Männer bildeten nun einen Kreis und ejakulierten der Reihe nach in den weit geöffneten Mund der jungen Frau, die ihre Zunge dabei heraus streckte. Die Männer verschwanden nacheinander aus der Szene.
Abschließend übergoss die vornehme Dame die Gebundene mit dem Ejakulat aus der Schale, ließ es in ihren Mund träufeln oder goss es auf ihr Haar.
Die Musik erstarb.
Sie stellte die Schale auf den kleinen Tisch und machte eine ausschweifende Bewegungen mit ihrem Arm.
Die laute Stimme des Generals erklang. Er trat aus seiner Deckung hervor. Soldaten kamen mit einer hölzernen Trage, packten die gebundene Frau, legten sie darauf und verschwanden mit ihr aus dem Garten. Das restliche Gefolge der vornehmen Dame nahm ihre anfängliche Aufstellung wieder ein. Ein Soldat reichte der Kammerzofe, die sich unterdessen mit ihrem Umhang bekleidet hatte den Sonnenschirm. Der General trat mit schnellen Schritten auf die Dame zu, verneigte sich und verließ mit ihr und ihrem Gefolge den Teegarten.
Das Licht dimmte herunter und verwandelte den Garten in ein nächtliches Mysterium.
Leiser Beifall brandete auf.
Yuna schaute Carl an.
„Wir warten und gehen zuletzt“, flüsterte sie.
Sie musterte im Halbdunkel sein Gesicht.
In Carls Kopf rotierten seine Gedanken.
„Ich habe Misaki gebeten, mich heute zu vertreten“, flüsterte Yuna. Ihre Stimme klang unsicher.
„Misaki?“, fragte Carl.
„Das Mädchen… auf dem roten Kissen.“
Carl wurde es heiß und kalt zugleich.
Yuna schaute ihn an.
„Es ist nur eine Rolle… von vielen Rollen“, flüsterte sie. Es klang wie eine Entschuldigung.
Carl schaute Yuna durchdringen an.
„Erkläre es mir, erkläre mir alles“, sagte Carl.
„Nicht jetzt, Carl, später.“


