Zwei Welten treffen aufeinander – Teil 5
Yuna und Carl verließen das Gebäude kurz vor Mitternacht auf dem gleichen Weg, den sie bei ihrer Ankunft genommen hatten. Der Nieselregen hatte sich in einen Monsun verwandelt. Carl winkte ein Taxi heran.
Sie saßen schweigend nebeneinander und schauten aus den Seitenscheiben.
Gedankenfetzen schossen Carl durch den Kopf. Szenen aus dem Theaterstück, die befremdliche Atmosphäre, der General, die Prinzessin, die junge Frau auf dem roten Kissen, Yunas Anmerkungen zu einzelnen Szenen, dessen Sinngehalt sich ihm nicht erschlossen. In ihm keimten viele Fragen auf. Nicht zuletzt die Frage nach Yunas Verbindungen zu dieser mysteriösen, hochrangigen Gesellschaft.
Carl wandte sich ihr zu. Er hob an, etwas zu sagen.
„Nicht jetzt“, meinte Yuna. „Warte bitte, bis wir bei mir sind.“
Carl ließ den bisherigen Verlauf des Abends erst einmal sacken, versuchte einen normalen Gefühlslevel zu erreichen. Ihn konnte so schnell nichts aus der Ruhe bringen, aber jene Eindrücke im Theater zehrten an ihm.
Sie erreichten den Wohnblock, in dem Yuna ihr Apartment hatte.
Yuna öffnete die Wohnungstür.
Yuna legte an der Garderobe ab, ging auf direktem Wege ins Schlafzimmer, holte ihre Nachtwäsche und betrat das Bad.
Sie hatte ihm das Gästezimmer zugewiesen, wohl aus Rücksicht und nicht zuletzt aus Vorsicht. Nicht nur, dass sie einen emotional aufgebrachten Carl erwartete, der ihr Vorwürfe machen könnte. Sie fürchtete sich vor einer allzu raschen Reaktion, wollte ihm die Möglichkeit geben, alleine zu sein, um mit den ungewohnten Umständen ihres nächtlichen Theaterbesuches zurechtzukommen. Sie wusste, dass er sie liebt, aber sie fühlte sich unsicher. Er fragte sich, ob er es verstehen, Yuna jemals verstehen könnte. Er kannte die Hintergründe nicht, ihre Motivation, wusste nichts von dem, was andere in ihr sahen, was sie verkörperte, wenn sie im Theater auftrat oder bei privaten Treffen in kleinerem Rahmen. Sie wollte ihm Zeit geben.
Carl setzte sich auf sein Bett und strich sich gedankenverloren durchs Haar.
Nach einer Weile stand Yuna in der Tür. Sie trug einen schneeweißen Pyjama, über den ihr langes, schwarzes Haar wie ein Schleier fiel. Er schaute sie an. Sie ist faszinierend und so rätselhaft, dachte Carl.
„Du kannst jetzt ins Bad, Carl“, sagte sie leise und ließ ihn wieder mit sich allein.
Carl griff seinen Pyjama, machte sich im Bad für die Nacht zurecht, legte die Zahnbürste beiseite und stützte sich auf den Waschtisch. Er blickte in den Spiegel und erinnerte den Abend, an dem Yuna in seinem Hotelzimmer am Fenster stand. Er wollte nicht mehr alleine sein. Er wollte mit seinem Leben an irgendeinem Ort einen festen Halt finden, sich zu Hause fühlen. Das alles wünschte er sich zutiefst, und er fühlte sich mit Yuna angekommen. Dieses Gefühl wollte er sich nicht nehmen lassen. Carl fasste den Entschluss, um Yuna zu kämpfen, egal was passierte, dabei ans Licht käme.
Es war ihm nur ein Gefühl, aber er beschloss, sich dieses Mal von seinen Gefühlen leiten zu lassen. Selbst auf die Gefahr hin, dass er mit seiner tiefen Liebe für Yuna scheitern könnte.
‚Wenn es so ist, ist es so‘, hatte Lee ihm gesagt. Es klingt so einfach, Lee, so einfach, dachte Carl. Aber wie funktioniert das?
„Na schön, warten wir es ab, Carl“, murmelte er Richtung seines Spiegelbildes.
Er begab sich auf den Weg zum Gästezimmer.
Yunas Schlafzimmertür stand offen. Carl hielt inne, besann sich und schaute schließlich zu ihr hinein. Yuna saß vor einem Frisiertisch, betrachtete sich im Spiegel, während sie mit bedächtiger Handbewegung ihr Haar kämmte.
Im Spiegel sah sie Carl im Türrahmen stehen, legte ihre Hände langsam in den Schoß, drehte ihm das Gesicht zu und schaute ihn an.
„Es ist schon spät“, meinte sie.
„Aber nie zu spät, wir haben Zeit“, erwiderte er.
„Komm bitte in zehn Minuten“, meinte Yuna.
Carl ging in sein Zimmer, legte sich aufs Bett, nahm sein Handheld vom Nachttisch und klickte suchend durch seinen Terminkalender. Er suchte nicht wirklich. Es war ihm eine Ablenkung. Ein tägliches Ritual, das ihn in die Banalität seines Alltages zurückholen sollte. Auf einen Weg, den er kannte. Es gelang ihm nicht.
Der letzte, grün hinterlegte Eintrag lautete: Yuna, Osaka. Yin+Yang?
Der Eintrag stand direkt hinter Bootstour mit Lee.
Grün stand für privat. Die meisten Termine waren rot hinterlegt. Rot stand für geschäftlich. Fast jeder Tag, bis zum Gestrigen. Carl überkam Scheu, sich entscheiden zu müssen. Für eine Farbe, für die nächste Woche mit Yuna. Für die Zeit danach stand sie schon fest. Rot.
Sein Handheld schien keine passende Farbe dafür bereitzuhalten. Vielleicht wird es ein neutrales Weiß. Rot steht für die Liebe, dachte Carl, und erschrak innerlich. Was ist mir wichtig im Leben. Carl warf sein Handheld missmutig aufs Bett.
Yuna … resümierte er, sie ist mir wichtig. Nicht morgen, sondern jetzt.
Carl stand auf, ging zurück zu ihr. Sie lag bereits im Bett. Eine kleine Nachttischlampe spendete ein wenig Licht. Nur ihr Kopf ragte unter der Bettdecke hervor. Sie lag auf der Seite und schaute Carl mit ihren dunklen Augen an.
Carl legte sich neben sie. Sie hob die Bettdecke an, und lud Carl ein, sich zu ihr zu legen.
„Ich werde nicht mit dir schlafen, nicht jetzt“, meinte sie leise.
„Ich weiß“, erwiderte Carl. “
Er schaute in ihre dunklen Augen, die ihn abwartend fixierten.
„Was ist das für ein Theater“, fragte er schließlich.
„Ein Privates, dort finden gewöhnlich musikalische Aufführungen statt, klassische Theaterstücke für ein allgemeines Publikum. Was du heute sahst, ist nur für handverlesene, besondere Kreise arrangiert. Ich spiele in solchen Aufführungen je nach Thema unterschiedliche Rollen.“
„Wem gehört dieses Theater.“
„Einer einflussreichen Persönlichkeit, hinter dem ein Konsortium steht.“
„Verstehe. Warum solche Aufführungen“, fragte Carl.
„Es wirkt in seiner Art gewöhnlich, andererseits ist es ein demonstratives, zentrales Instrument“, erwiderte Yuna.
„Ein Instrument? Wofür? Erkläre es mir der Reihe nach.“
„Es liegt an unserer Gesellschaft, an unserer Geschichte, unserer Religion. Es ist für Europäer schwer zu verstehen. Hast du dir einmal Gedanken gemacht, warum am Flughafenzoll unter anderem nach Lektüre und Filmen gefragt wird. Sie suchen dabei nach europäischem, unzensiert pornografischem Material. Pornografie ist in Japan verboten. Du wirst in japanischen Pornofilmen, die du im Internet findest, selten eindeutige Szenen finden, sie sind unkenntlich gemacht, nicht einmal ein Schamhaar darf gezeigt werden. Wundert dich das nicht? Wir gehören doch zu den modernsten Gesellschaften auf der Welt. Es gibt bei uns nichts, was es andernorts nicht auch gibt. Was aber die Offenheit und der Umgang mit Sex und Sexualität angeht, haben wir eigene Vorstellungen von dem, was man zeigen darf und was nicht. Ist dir das noch nicht aufgefallen? Erinnerst du dich an die Bilder und Filme, die ich dir vor wenigen Wochen gezeigt habe?“
„Ja, sie waren unkenntlich gemacht.“
„Es gibt strenge Gesetzte, auch wenn sie nicht immer in aller Schärfe angewendet werden. Es gibt dennoch Orte, an denen Sexualität offen gezeigt wird, so wie bei euch. Jenes Theater ist ein solcher Ort, allerdings ein sehr elitärer, zu dem nur ausgesuchtem Publikum Zugang gewährt wird. Leuten, die dem Besitzer in ihrer gesellschaftlichen Funktion sehr nahe stehen, geschäftlich, wie privat wichtig sind. Niemand redet darüber. Es ist ein absolutes Tabu, es auch nur ansatzweise zu erwähnen. Das ist die banale Seite.
Aber dieses Theater ist auch Ausdruck von Macht. Dadurch, dass jenen ausgesuchten Zuschauern ermöglicht wird, an diesen und anderen Veranstaltungen teilzunehmen, übt man Einfluss auf sie aus. Es ist einem jeden, der ins Theater kommt bewusst. Aber sie akzeptieren es für sich, wollen es sogar, reißen sich darum. Einer solchen Einladung fernzubleiben, würde zudem den Gastgeber entehren. Sie sind wie eine Familie. Eine verschworene Gemeinschaft, denen es um ihre ganz eigenen Interessen geht. Das hält sie zusammen. Es geht um mehr, als nur um Sex. In diesem Zusammenhang wird eine solche Veranstaltung zu einem besonderen Teil ihres elitären Lebens. Es ist viel mehr als ein großes Haus zu besitzen, ein Flugzeug, teuren Champagner zu trinken. Verstehst du, was ich dir sagen will? Es ist eine besondere Würdigung dazuzugehören, sich vom Gewöhnlichen zu unterscheiden. Sie haben Macht und Einfluss, genießen es, dies zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Sie sehen sich über dem Gesetz. Ich bin nur ein kleiner Teil dieses Ganzen.“
„Ich habe beobachtete, wie einige dich erkannten und sich geradezu ehrfürchtig vor dir verneigten“, entgegnete Carl.
Yuna hielt inne.
„Ich bin für sie ein Idol, eine Ikone“, flüsterte sie. „Ich verkörpere für diese Leute ein dämonisches Begehren, stehe für eine geschichtlich bedingte Tradition, einem erotischen Verlangen, das im Verborgenen dieses Theaters in vielerlei Form und Gestalt inszeniert und ausgelebt wird. Ich bin für sie wie eine Göttin und doch nur eine Sklavin. Es ist schwer für dich zu verstehen, Carl, ich weiß das.“
Carl hörte ihr aufmerksam zu.
„Was meinst du mit ‚verborgen‘.“
„Ich bin wie ein lebendiges Kultbild für diese Gesellschaft. Ich verkörpere ihre erotische Begierden, die sie an und mit mir ausleben können, sofern man es ihnen gestattet. Man kennt mich so nur in ihren Kreisen, ihrer Szene. Es ist nicht öffentlich, das unterscheidet mich von anderen Idolen, verstehst du. Mit Szene meine ich auch jenen Ort, das Theater, die Stücke, in denen ich auftrete. Es sind lebendige Bilder, keine hölzernen ‚Shunga‘. Ich soll ihnen sein, was auch immer sie in mir sehen. Das ist meine Aufgabe, meine Bestimmung.
„Du erwähntest es, die kleinen Holzbilder, im Flur“, sinnierte Carl leise.
„Sie wurden per Gesetz verboten, Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts“, fuhr Yuna fort. „Ihre Herstellung, Verbreitung und der Handel wurden unter Strafe gestellt. Erst Mitte der Neunziger Jahre wurde das Gesetz gelockert und es war wieder erlaubt, sie zu sammeln, sie auszustellen, jedoch unter strickten Auflagen. Sie gelten als obszön. Aufgrund dieser Gesetze war es auch nicht erlaubt, Geschlechtsteile oder gar Schamhaare detailliert zu zeigen.“
Carl schaute Yuna erstaunt an.
„Was noch, sag es mir“, meinte Carl leise. Er ahnte, das es nur ein Teil der Wahrheit war.
Yuna schaute Carl forschend an.
„Ich habe grundsätzlich kein Problem mit dem, was ich im Theater mache. Wie du weißt, mag ich Sex, gewisse Praktiken. Aber es ist jetzt anders, deinetwegen, Carl. Ich habe noch mit keinem darüber gesprochen und erst recht nicht mit jemandem aus dem westlichen Ausland, verstehst du. Selbst mein Vater weiß es nicht. Es wäre eine Schande für ihn. Ich entehre ihn. Dir das alles zu erzählen, ist ein gefährlicher Tabubruch. Ich lebe ein Leben, das Europäern völlig fremd ist. Ich bin keine Hure, Carl. Nicht so eine Frau, wie du sie aus Europa kennst.“
„Sag es mir, bitte, sag mir, was du denkst, was in dir vorgeht, sobald du mich ansiehst“, flüsterte Carl und schaute Yuna auffordernd an.
Yuna schaute Carl eine Weile an.
„Einen Mann, der es verstehen könnte, dem ich vertraue, ihn Liebe“, flüsterte sie schließlich, „aber ich habe auch Angst davor.“
Carl strich mit der Hand über ihr Gesicht.
„Ich bin hin und wieder ein außergewöhnliches Geschenk, eine besondere Aufmerksamkeit, ein Präsent aus den Händen der Anderen“, flüsterte Yuna“, ich gehöre ihnen.“
Carl schaute sie nachdenklich an.
‚Es ist nicht für die Anderen, es ist wegen der Anderen‘, hatte Yuna ihm einmal gesagt. Er erinnerte sich genau. Wie hätte er jenen Tag auch vergessen können. Er wurde nervös bei der Erinnerung daran. Es war nur eine Aufführung, damals wie heute. Doch mit umgekehrten Vorzeichen. Carl verstand allmählich. Sie hatte sich damals in ihn verliebt, obwohl sie nur eine Rolle spielte. Schon zu jenem Zeitpunkt, in der Tiefgarage, wo sie jene Worte zu ihm sagte, nachdem sie vor seinen Augen masturbiert hatte. In einem öffentlichen Raum, ‚für‘ ihn und ‚wegen‘ der Anderen. Allerdings wurde die ganze Angelegenheit für sie nun zum Problem. Einer Rolle gerecht zu werden, die man ihr aufgetragen hatte und der Tatsache, dass sie diese Rolle Carl gegenüber nicht mehr spielen wollte, ihr nicht mehr gerecht werden konnte und doch so tun musste. Sie machte den Anderen nunmehr etwas vor. Yuna beging Verrat. Das war unverzeihlich. Sie musste ihrer Rolle gerecht werden, das erwarteten sie von ihr, doch musste sie diese ablegen, um sich selbst und Carl gerecht zu werden, wollte sie sich und ihre Liebe zu Carl nicht verraten. Eine ernste, ja, gefährliche Situation, aus der sie nicht heraus konnte. Es ging um Ehre, Respekt und um ihre aufrichtige Liebe zu Carl. Alles das, stand für sie nun auf dem Spiel. Sie fürchtete alles zu verlieren, was sie besaß, am Ende sich selbst. Carl fielen Lee’s Ausführungen ein. Wenn Lee alles verlöre, bliebe immer noch etwas übrig. Er selbst. Er wäre immer noch derselbe. Das ist es. Nur in Yunas Fall, wäre sie vor sich selbst verloren. Sie kämpft um ihr Herz, um ihre Liebe zu mir.
„Ich verstehe es“, antwortete Carl.
„Einerseits habe ich die freie Wahl es zu tun, andererseits erweise ich Respekt und man respektiert mich. Ich habe kein Problem damit, es macht mir Spaß, das zu sein, was ich für sie darstelle, obwohl ich weiß, das man mich manchmal für etwas benutzt, mich opfert. Es ist nicht wegen des Geldes. Es spielt für mich dabei keine Rolle.“
Eine Weile schwiegen sie.
Wer sind die ‚Anderen‘, was hat es mit diesem Konsortium auf sich?, fragte sich Carl. Welche Macht üben sie aus, was macht sie eventuell gefährlich? Ich werde Yuna nicht aufgeben, egal, wer oder was sich uns in den Weg stellt.
Carl hätte noch viele Fragen stellen wollen, hielt sich aber zurück. Er wollte Yuna nicht bedrängen und ihr Zeit geben.
„Ich will nicht alleine schlafen, aber, ich überlasse es dir“, meinte Carl schließlich. „Es ist ja dein Bett.“
Yuna schmunzelte.
„Bleib bei mir, ich bin nicht gern allein.“
Yuna drehte sich um, machte die Nachttischlampe aus und kuschelte sich an ihn.
Carl nahm sie liebevoll in den Arm. „Wir sind nicht mehr allein, Yuna.“
Carl war schon eine Weile wach, lag auf der Seite, den Kopf auf eine Hand gestützt und betrachtete Yunas Gesicht. Hin und wieder strich er sanft mit den Fingerspitzen über ihre Wange.
„Du bist so wunderschön, mein Engel“, flüsterte er.
Yuna regte sich nach einer Weile, gähnte und legte ein feines Lächeln auf.
„Engel, was ist ein Engel?“, hauchte sie mit geschlossenen Augen.
„Du bist ja schon wach?“
„Schon lange.“
Carl schmunzelte.
„Hast du es genossen?“
„Ja, sehr, es ist so schön, deine zärtliche Liebe zu fühlen. Sag mir, was ist ein Engel?“, wiederholte sie, öffnete die Augen und schaute ihn an.
„Ein unsichtbarer, treuer Beschützer. Jeder Mensch hat einen Engel, der ihn ein Leben lang begleitet, ihm beisteht. So sagt es unsere Religion. Ein Engel gibt dir das Gefühl, nicht alleine zu sein.“
„Unsichtbar?“ Yuna lächelte, schmiegte wohlig ihren Körper an Carl und gab ihm einen zärtlichen Kuss.
„Nein, jetzt nicht mehr“, flüsterte Carl, lachte leise auf und drückte sie fest an sich.
„Ich werde dich beschützen, Carl, so gut ich kann. Und ich weiß, dass du auf mich achtgeben wirst“, flüsterte Yuna.
Eine Weile lagen sie eng umschlungen beieinander. Yuna hob schließlich ihren Kopf und schaute ihn an.
„Schlafe mit mir, Carl, ich will ein Teil von dir sein.“
Carl schaute in ihre dunklen Augen und strich ihr sanft ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Yuna richtete sich langsam auf, kniete sich neben ihn, ließ sich anmutig auf ihre Beine nieder und legte ihre Hände flach auf ihre Oberschenkel. Sie saß dort wie eine Geisha bei einer Teezeremonie.
Carl ließ seinen Blick über ihr zartes Gesicht wandern, ihr pechschwarzes Haar, den blassen Teint ihres Körpers.
Zaghaft begann Yuna die Knöpfe ihres seidenen Pyjamas zu öffnen und lies das Oberteil langsam über ihren Rücken hinab gleiten.
Carl richtete sich auf, legte eine Hand an ihre Wange, küsste sie zärtlich und schaute in ihre Augen. Yuna legte einen Zeigefinger an ihre Lippen, als Carl anhob, etwas zu sagen.
Sie legte ihre Hände zurück auf ihre Oberschenkel und schloss die Augen.
Carl betrachtete ihren Oberkörper, ließ seine Hand seinem Blick folgen. Er berührte ihren Hals, fühlte an ihrer schmalen Schulter entlang, über den Ansatz ihrer Brust und liebkoste mit den Fingerkuppen zärtlich die festen Nippel, die sich seiner Berührung entgegen reckten.
Yuna öffnete ihre Augen, schaute ihn an, erhob sich, entblößte sich nun vollends und legte sich neben ihn.
Carl entkleidete sich, kam zu ihr, schloss sie in seine Arme und gab ihr einen innigen Kuss. Er fühlte, wie Yuna ihre Beine langsam auseinander legte. Er löste sich von ihrem Mund und schaute sie an. Carl konnte sich nicht an einen solchen Moment in seinem Leben erinnern. An ein derart tiefes Gefühl von Zuneigung und Liebe, das er sich herbeisehnte, sobald er mit einer Frau schlief, mit der er sich einen gemeinsamen Lebensweg erhoffte. Er suchte danach, es wieder und wieder zu fühlen. Doch es war Yuna, jene geheimnisvolle Frau, die ihm zum ersten Mal jenes Gefühl und die Einsicht vermittelte, endlich gefunden zu haben, wonach er auf der Suche war.
„Liebe mich, wie ich dich liebe. Lasse mich meine Liebe spüren“, hauchte Yuna, nahm ihre Beine weiter auseinander, schaute ihm wie berauscht in die Augen und legte ihre Arme um seine Schultern.
Sie stöhnte fast unmerklich, als Carl sanft in sie eindrang. Eine Träne lief ihr aus einem Augenwinkel. Sie lächelte zart, hauchte leise auf. Er fühlte ihre schlanken Finger, die sanft durch sein Haar glitten. Ihr Oberkörper reckte sich ihm entgegen, als Carl sie zaghaft zu penetrieren begann.
Carl war wie elektrisiert. Er schaute sie entgeistert an, hielt immer wieder inne und genoss den Augenblick, sich mit ihr zu verbinden.
Yuna legte ihre Hände an Carls Gesäß und zog ihn in jenem Moment so fest sie konnte zu sich heran. Es war ihm nicht, als erkenne er eine andere Yuna, die sich ihm hingab. Carl erfuhr sich selbst in einer Weise, von der er annahm, diese Bedeutung längst verloren zu haben. Diese Frau erinnerte ihn daran, brachte es in ihm wieder hervor. Es war das tiefe Gefühl, mit Leben erfüllt zu sein. Und er wollte sein Leben, sein Schicksal mit ihrem verknüpfen, egal, was die Zukunft für sie bereithalten mochte. Sie wussten beide, dass es von nun an keinen anderen Weg geben würde, es keine denkbare Alternative gäbe, und ihre sich kreuzenden Wege in eine gemeinsame Richtung führen sollte, dachte er für einen Augenblick. Sich in jenem Moment mit Yuna zu vereinen, fühlte er in seinem Innern, hielt eine weitere Dimension dieser Liebe bereit. Der Gedanke an dieser Möglichkeit schien ihm nicht abwegig.
Yuna zitterte wie in einem Fieber, während Carl sie sanft penetrierte. Sie betrachtete sein Gesicht, suchte in seinen Augen, in denen sie tiefe Liebe erkannte, eine Innigkeit, die sie ebenso für ihn empfand.
Sie flüstert einige Worte auf Japanisch, die sich bald zu einem Stakkato steigerten und ihren Höhepunkt begleiteten. Sie keuchte Carls Namen, zog sich an seinen Schultern hoch und küsste ihn. Carl stöhnte leise auf. Sie legte ihre Hände an seine Hüften, zog ihn fest zu sich heran.
„Bleib in mir“, hauchte sie wie in Trance.
Carl drang tief in sie ein, erwiderte ihren Blick, biss sich erlösend auf die Unterlippe, gab seinen Gefühlen nach und sank bald auf ihren Körper herab. Yuna legte ihre Arme um ihn, drückte ihn sanft an ihren Leib.
„Ich werde immer deine Liebe sein“, flüsterte Yuna. „Ja, das wirst du, mein Engel.“
Lange lagen sie so vereinigt beieinander.
Carl legte sich schließlich neben sie, streichelte über ihr Gesicht. „Der heutige Tag macht alles anderes“, meinte Yuna in die Stille.
„Ja, alles.“
„Es ist ein Unterschied“, hob sie an, „ein Engel zu sein oder eine Ikone.“
Carl dämmerte es.
„Erkläre mir die Aufführung. Was bedeutet sie?“, fragte Carl leise.
„Ich werde es dir an einem Bild zeigen.“ Yuna stand auf, ging ins Wohnzimmer, kam mit einem großformatigen Druckwerk zurück und legte sich neben ihn. Es beinhaltete Fotos von Gemälden und Zeichnungen zeitgenössischer, japanischer Künstler des vorigen Jahrhunderts. Yuna suchte nach einem Bild.
„Schau her“, sagte sie und zeigte auf ein Bild. „Was siehst du?“
Carl betrachtete es.
„Einen großen Kraken, der eine nackte Frau begehrt … und einen kleineren Kraken, der sie küsst, einen seiner Tentakel um den Nippel ihrer Brust gelegt hat. Meerestiere mit einer Frau“, erläuterte Carl.
„Schau, die Frau hält die Augen geschlossen“, meinte Yuna. „Sie genießt es offenbar“, lächelte Carl.
„Die Frau schläft“, antwortete Yuna. „Das Bild trägt den Titel, ‚Der Traum der Fischergattin‘. Es ist nicht allein das, was es auf den ersten Blick zeigt. Es ist eine Allegorie. Was sich dahinter verbirgt ist entscheidend. Der Krake ist ihr Mann, und die Tentakeln sind ein Hinweis auf seinen Phallus. Diese Darstellung verweist auf ihre Sehnsucht und die Begierde. Aber auch auf die Sehnsucht ihres Mannes, sie zu lieben. Das Bild erzählt etwas anderes, als was es zeigt. Der Betrachter kann natürlich auch nur Kraken mit einer Frau sehen. Nichts ist so, wie es scheint, obwohl alles so scheint, wie es ist, Carl.“
Carl runzelte die Stirn.
„Der Traum dieser Frau ist so unwirklich und unsichtbar wie ein Engel, verstehst du. Sie sehnt sich jedoch nach etwas Wirklichem, etwas Realem und hat Hoffnung, das es in Erfüllung geht. Sie will in ihren Träumen ausharren, bis er ihr begegnet. Dann wird sie ihre Augen öffnen, um ihn anzuschauen.“
Yuna schaute Carl an. „Ich bin wie diese Fischerin.“
Carl nickte. „Ich verstehe, was du meinst.“
„Dieses Bild ist Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gemalt worden, erklärte Yuna weiter. „Es ist fast zweihundert Jahre alt, und es gibt ‚Shunga‘ die noch viel älter sind. Sie sind sehr wertvoll, unter Sammlern heiß begehrt, daher sehr teuer. Dieses Bild ist recht eindeutig, es geht unverblümt um Sex, um die Vereinigung. Du wirst dich sicher wundern, wenn ich dir sage, dass es in unserer Zeit, in unserem Land, ähnliche Hinweise für erotische Inhalte gibt, wenn auch nicht mehr so eindeutige, wie auf diesem Bild. Versteckte Hinweise findet man in Comics für Erwachsene. Sagt dir ‚Manga‘ oder ‚Hentai‘ etwas? Dort entdeckt man bei genauer Betrachtung Vergleichbares. All das, hängt mit unserer Tradition zusammen, mit Überlieferungen, existierenden Bräuchen und unserer jahrtausendealten Religion.“
Carl schaute sie fragend an.
„Genauso verhält es sich auch mit dem Theaterstück, welches du gesehen hast. Auf den ersten Blick vollzogen viele Männer mit einer Frau einen sexuellen Akt. Sie ejakulierten auf ihr, sie trank die Milch der Kammerzofe, sie war gefesselt und musste den Samen der Männer kosten. Auf den ersten Blick sah man sich lediglich einer ausschweifende Orgie gegenüber. Ja, es ging eindeutig und unmissverständlich um Sex. Es war real und doch nur Theater. Es ist wie eine Interpretation dessen, was sich hinter diesem Bild versteckt. Es zeigt die Sehnsüchte, die wir in uns tragen, ohne sie veranschaulichen zu wollen. Unserer Natur und Auffassung entspricht es, jene naturgegebenen Dinge zu verehren, die es ermöglichen, sich Übernatürliches einzuverleiben, um daran teilzuhaben.“
‚Hätte ich Milch, ich würde sie dir geben‘, hatte Yuna bei ihrem ersten Treffen in ihrem Apartment zu ihm gesagt, sinnierte Carl und betrachtete das Bild. Yuna sei ein Idol, sagte sie. Man versteht Yuna nicht als ein Sinnbild ihrer Sehnsüchte und Träume, für diese Menschen ist Yuna die Inkarnation dieser Ideale.
„Du hattest mir ja während der Aufführung schon ein paar Hinweise gegeben“, meinte Carl schließlich. Aber du machst mich neugierig.“
„Vieles, was in den Comics unterschwellig angedeutet wird, hat mit Erotik und Sex zu tun. Da es bei uns verboten ist, sexuelle Handlungen darzustellen, versteckt man sie in Zeichnungen und Filmen in Form von Allegorien, so, wie es die Künstler schon damals gemacht haben. Nur sind jene alten Zeichnungen und Bilder per Gesetz verboten, weil sie zu eindeutig sind“, erklärte Yuna. „Zumindest darf man sie nur in speziellen Geschäften und bei Kunsthändlern anschauen und erwerben.“
Carl schaute Yuna fragend an.
„Ja, ich verkörpere etwas, was in unserem aufgeschlossenen Land verboten ist. Eine Begierde, der sich niemand entziehen kann. Sie verlangen nach mir, verzehren sich nach mir, wollen sich an mir berauschen, mich besitzen und manchmal bekommen sie mich, wie eine Belohnung … um sich ihre Sehnsüchte erfüllen zu lassen, am göttlichen teilzuhaben. Nicht jeder darf mich genießen, nicht der Mann oder die Frau von der ‚Straße‘. Und das verleiht mir letztendlich Einfluss, eine gewisse Macht. Ich bewege mich in einer elitären Vereinigung, einer einflussreichen Parallelgesellschaft.“
Carl legte das Buch beiseite, hielt einen Moment inne.
„Wer sind die ‚Anderen‘?“, fragte Carl nachdrücklich. „Sag es mir bitte.“
Yuna stand auf, ging auf das Fenster zu und schaute hinaus.
„Männer aus der Politik, aus der Wirtschaft … Oligarchen, denen es um nichts anderes geht, als um Einfluss und Macht. Geld spielt bei jenen, mit denen ich zu tun habe, nur noch eine untergeordnete Rolle. Es geht um Ehre, um den Kodex, sie streben nach Allmacht. Sie geben sich demokratisch, handeln nach den Gesetzen der modernen Wirtschaft, sehnen sich aber danach, wie ein göttlicher Kaiser behandelt und verehrt zu werden. Ihr Wort ist Gesetz und unantastbar. Alle anderen haben sich ihnen zu fügen. Sie dulden keine Opposition“, erklärte Yuna leise, als würde sie mit sich selbst sprechen.
„Ich kann dich ihnen bekannt machen“, fuhr sie fort. „Ja, ich werde es müssen. Wenn du mich, nach allem was du erfahren hast und wirst, noch willst, wir eine Chance haben wollen, dann wird es nicht anders gehen. Zumal sie bereits ahnen, dass wir in Liebe zusammen sind. Es gibt nur diesen einen Weg. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob du diesen Weg bis zum Ende mit mir gehen wirst“.
„Was ist daran für sie so schlimm, dass wir uns lieben, es ist doch nichts Ungewöhnliches?“
„Ich bin nur ein kleines, austauschbares Rad … aber ich weiß zu viel und … es ist wahr, durch mich wollten sie an dich heran, an betriebsinternes Wissen. Als ich dich damals aufgesucht habe, sollte dieses Treffen nur der Anfang dazu sein. Jetzt ist alles anders. Wir beide bewegen uns auf sehr dünnem Eis. Ich sehe aber nur diesen einen Weg. Wir beide müssen uns mit ihnen arrangieren. Nur weiß ich nicht, was sie unternehmen, wie sie reagieren werden“, sinnierte Yuna halblaut. „Ich weiß nur, sie werden uns beide an gewisse Grenzen heranführen, uns auf die Probe stellen. Meine Loyalität prüfen und dich dabei nicht aus den Augen lassen. Unsere Liebe bedeutet, dass wir einander vertrauen, verstehst du, sie werden es nicht akzeptieren können. Du bist ein unkalkulierbares Risiko für sie. Du bist aus dem Westen, Carl. Ein Amerikaner, ein Außenseiter, ein Fremder, kein Japaner. Es geht immer um die Familie, um unabdingbare Loyalität. Die Gemeinschaft und deren Interessen stehen über allem. Der Einzelne ist unbedeutend.“
Sie drehte sich zu Carl um.
„Egal zu welcher Entscheidung sie letztlich gelangen, sie wird kompromisslos sein.“
Eine Träne rann über ihre Wange.
„Ich habe Angst, Carl, seit unserer Begegnung in deinem Hotelzimmer … weil ich fühlte, dass ich dich über alles lieben könnte … und nun weiß ich, dass es so ist. Ich habe die Augen geöffnet“, gab sie ihm leise zu verstehen.
Die Melodie eines eingehenden Anrufes unterbrach ihr Gespräch.
Yuna ging ins Wohnzimmer, schaute auf das Display und nahm den Hörer ab.
„Ja, ich höre.“
„Misaki war eine würdige Vertretung.“
„Ja, das war sie.“
„Sie sprachen voller Begeisterung von dem Theaterstück. Sie schienen Yuna nicht vermisst zu haben, obwohl sie angekündigt war.“
„Ja, Herr Kawahara. Ich verstehe.“
„Ich denke, Herrn Holmer hat es gefallen.“
„Er war begeistert.“
„Dann war deine Entscheidung Misaki zu bemühen, trotz allem die richtige. Herr Holmer dürfte sich an deine Anwesenheit gewöhnen wollen“, fuhr Kawahara fort.
„Ich denke, dass er es bereits zu schätzen weiß, Herr Kawahara“, erwiderte Yuna und schaute nervös Richtung Schlafzimmer. Carl stand im Türrahmen gelehnt, verstand nicht, worum es in dem Gespräch ging, beobachtete daher Yunas Reaktionen.
„Es geht nicht allein um Herrn Holmer, Yuna, er ist auf gewisse Weise unbedeutend.“
„Ja. Ich bin mir dessen bewusst, Herr Kawahara.“
„Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten müssen. Was kann ich ihm sagen?“
„Sagen sie ihm, dass es mir nicht um mich selbst gehe. Meine Entscheidungen dienten nicht mir.“
„Ich werde sehen, was ich tun kann“, antwortete Kawahara.
„Danke, Herr Kawahara.“
„Halte dich bereit, Yuna. Ich werde dich in Kenntnis setzen“, meinte Kawahara formell.
„Ja, ich halte mich bereit.“
„Yuna“, meinte Kawahara leise, „keine Sorge. Aber von nun an keine eigenen Entscheidungen mehr. Es wird Konsequenzen nach sich ziehen.“
„Ja, Herr Kawahara. Verstehe Herr Kawahara. Danke, Herr Kawahara.“
Yuna legte den Hörer auf, schaute Carl an und holte tief Luft.
„Wer war das?“
„Ein Assistent. Von ihm erhalte ich meine Anweisungen. Er ist meine Kontaktperson.
„Gibt es ein Problem?“
„Einige der Zuschauer gestern Abend … sie waren wegen mir eingeladen … allein um mich dort zu sehen. Ich wusste es und habe eigenwillig entschieden.“
„Verstehe.“
„Ich denke nicht, Carl.“
„Was bedeutet es für dich?“
„Ich habe einen Fehler gemacht. Aber es lässt sich von mir aus der Welt schaffen. Dessen war ich mir vorher bewusst. Denke von nun an immer daran, ich liebe dich. Akzeptiere, was auch ich immer tue, egal was es ist. Vertraue mir.“
„Was musst du tun?“
„Wir müssen abwarten. Ich werde es bald wissen und entsprechend handeln.“
Yuna ging lächelnd auf Carl zu, und nahm ihn in den Arm.
„Komm, mein Engel, lass uns jetzt frühstücken, dann gehen wir in die Stadt und machen uns einen angenehmen Tag. Ich habe vor, dir die Burg zu zeigen.“
Herr Shimura stand vor der Fensterfront und betrachtete die Skyline, als Kawahara den großzügigen Büroraum betrat und sich in gebührendem Abstand verneigte.
„Wo hält sie sich auf?“, fragte er nach einer Weile des Schweigens, ohne sich zu Kawahara umzudrehen.
„Sie befindet sich in Gesellschaft mit Herrn Holmer in ihrem Penthouse, Herr Shimura.“
Herr Shimura schaute ungerührt aus dem Fenster.
„Osaka ist eine blühende Stadt, Kawahara.“ — „Ja, Herr Shimura.“ — „Ein Garten. Die Natur gibt uns die Perspektiven vor, wir haben sie zu achten, zu pflegen. Eine folgenreiche und ehrenvolle Verpflichtung.“
„Ja, Herr Shimura.“
„Ein junger Baum kann leicht gebogen werden … je höher der Baum, desto neidischer der Wind. So heißt es doch, Kawahara,“ gab er mit fester Stimme zu verstehen.
„Ja, so heißt es, Herr Direktor Shimura. Ich bitte um Entschuldigung, Herr Shimura“, erwiderte Kawahara und verneigte sich mehrmals.
„Sie sind wie kleine Kinder, wissen nichts von Pflichten. Sie werden sie im Auge behalten.“ — „Ja, Herr Direktor. Ich danke Ihnen vielmals Herr Direktor.“
„Kümmern Sie sich um Misaki. Unmissverständlich.“ — „Ja, Herr Direktor.“ — „Wir werden sehen, aus welchem Holz Herr Holmer geschnitzt ist. Das Gemüt einer Frau ändert sich so leicht wie die Augen einer Katze. Machen Sie ihre Arbeit, Kawahara.“
„Ich danke für Ihr Vertrauen, das Sie in mich setzen, Herr Direktor.“
Kawahara verneigte sich, verließ das Büro und griff nach seinem Handy.
Yuna und Carl aßen nach einem ausgiebigen Besuch der Burg Osaka zu Mittag. Yuna, die eine eingehende SMS las, steckte das Handy zurück in ihre Handtasche und schaute Carl schweigend an. Carl sah ihr an, dass sie sich gedanklich mit etwas beschäftigte, stellte ihr aber keine Fragen.
„Du bist ein attraktiver Mann, Carl, und wohlhabend“, meinte sie schließlich.
Carl schaute Yuna verdutzt an, entgegnete jedoch nichts auf ihre schmeichelhafte Feststellung.
Sie griff nach ihrem Getränk und schaute ihn intensiv an.
„Keine Frau? Kein Mädchen, welches infrage gekommen wäre?“
„Nein. Bis jetzt. Ich meine, es gab eine Frau in meinem Leben, mit der es zu passen schien. Ist schon ein paar Jahre her.“
„Woran lag es?“
„Wir sahen uns selten. Ich war zu oft geschäftlich unterwegs.“
„Sie wollte wohl nicht warten, Carl.“
Carl legte sein Besteck beiseite. „Ist das eine Frage?“
Yuna lächelte zunächst, schaut ihn dann mit ernsthafter Miene an. „Du wirst zurückgehen.“
„Ja, darüber denke ich die ganze Zeit nach, Yuna.“
Yuna schaute ihn wachsam an, und senkte dann ihren Blick.
„Ich habe oft des Nachts wach gelegen. Seit jener ersten Nacht. Ich stand manchmal am Fenster, blickte den aufsteigenden Flugzeugen nach. Ich fühlte mich allein. Sollte ich dein Engel sein, Carl?“, meinte sie ambig.
Carl schaute sie verwundert und zugleich nachdenklich an.
„Auch ich fühlte mich allein, Yuna. Du bist attraktiv und wohlhabend.“
Yuna schmunzelte, nahm einen Bissen Gemüse aus ihrer Schale und schaute Carl zunächst abwartend an.
„Im Augenblick des Zusammenkommens beginnt die Trennung, heißt es.“
„Ja“, erwiderte Carl und seufzte leise auf. „Darüber habe ich nachgedacht.“
Carl blickte Yuna aufmerksam an. „Wir werden in Seoul eine Niederlassung aufbauen. Mein Freund Lee ist Geschäftsführer einer Firma, die Präzisionsteile für uns herstellt. Wir können in Korea billiger produzieren bei gleichbleibender Qualität. Wir haben die Absicht, noch enger mit ihnen zusammenzuarbeiten, sie ins Boot zu holen, auch was unser Know-how in der Entwicklung und Forschung angeht. Wir setzen mit diesem Schritt einen Fuß in die Tür. Niemand unserer Mitbewerber ahnt bislang etwas davon. Bis jetzt. Ich denke, wir geraten wohl gerade ins Fadenkreuz.“
„Ihr wollt euch mehr Marktanteile in Asien sichern, euch weltweit besser aufstellen.“ — „Ja, die Konkurrenz ist groß … aber, was ich dir eigentlich sagen will, ist, dass ich darüber nachdenke, selbst nach Seoul zu gehen, um dort die Leitung der neuen Niederlassung zu übernehmen, dauerhaft … jedenfalls so lange mein Vater die Geschäfte von New York aus führt. Ich habe bereits mit meinem Vater darüber gesprochen. Er hält es für sinnvoll.“
Yuna nahm einen Schluck Wein, behielt das Glas in der Hand und richtete versonnen ihren Blick darauf.
„Ich werde in Seoul ein Haus anmieten … nur anderthalb Stunden Flug … keine einsamen Tage und Nächte mehr, Yuna“, setzte Carl hinzu und wartete Yunas Reaktion ab.
„Weiß er von mir?“ — „Ich habe es ihm noch nicht gesagt“, entgegnete Carl, der ahnte, worauf Yuna mit ihrer Frage hinsteuerte.
„Was hast du ihm noch nicht gesagt?“ — „Es geht mir um dich, Yuna, um uns beide.“ — „Er ist dein Vater, er hat ein Recht darauf. Man wird unsere Verbindung nicht dulden, Carl. Sei nicht blind.“
„Wir drehen den Spieß um, Yuna.“ Yuna machte große Augen. „Du bist verrückt. Du hast keine Ahnung, mit wem du es hier zu tun bekommst“, zischelte sie ihm gereizt über den Tisch hinweg zu.
„Hast du etwa deinen Eltern von mir erzählt, Yuna?“, hob Carl spitzbübisch an. Yunas Miene erstarrte. „Na also“, meinte Carl gelassen. „Ich habe übrigens irische Vorfahren, das solltest du wissen.“
„Versuche erst gar nicht den Helden zu spielen. Du weißt hoffentlich, wo eure Helden am Ende gelandet sind. Am Galgen“, raunte sie ihm beunruhigt zu.
„Du liebst mich ja wirklich“, erwiderte Carl vergnügt. Yuna verkniff sich ein Lächeln. „Das ist nicht lustig, Carl. Du bist nicht in Irland oder in den Staaten.“
Eine Weile aßen sie schweigend. Carl ahnte, dass Yuna sich freute, sie anderseits Befürchtungen plagten.
„Kannst du Lee vertrauen?“ — „In den Jahren unserer geschäftlichen Beziehungen haben wir uns angefreundet. Ja, ich denke, ich kann sagen, dass wir Freunde sind. Wir vertrauen einander. Es ist nicht nur eine wirtschaftliche Win-win-Situation, falls du das meinst.“
„Er weiß von mir?“ — „Ja, und er hat mich vor dir gewarnt.“
Yuna blickte Carl intensiv an. „Er hält mich für eine Hure.“ — „Ja, so was in der Art.“ — „Womit er wohl nicht ganz unrecht hat“, erwiderte Yuna.
„Er kennt nicht die Hintergründe. Ich sehe jemand anderen, sobald ich dich anschaue. Ich versuche, dich mit deinen Augen zu sehen. Wie war das noch mit den Masken, die wir tragen, mein Engel? Wir sollten mit dem Theaterspielen aufhören oder noch besser, wir werden die Regie übernehmen.“
Yuna seufzte sorgenvoll auf, und lehnte sich in ihren Stuhl zurück.
Carl lächelte zwanglos. „Hat es dir geschmeckt?“ — „Ja, lass uns zahlen, Carl. Ich muss jetzt an die frische Luft.“


