Zwei Welten treffen aufeinander – Teil 6

Sie verließen das kleine Restaurant, schlenderten durch den angrenzenden Park. Carl nahm Yunas Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. Sie warf ihm einen Blick zu, und umschloss fest seine Hand.

„Ich habe Angst, Carl. Sie werden uns unter Druck setzten, sie scheuen vor nichts zurück. Es geht um viel. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Abweichler zur Raison bringen. Es ist nicht nur eine Frage des Geldes oder des Einflusses, verstehst du? Man ist einander verpflichtet.“

„Komm mir nicht mit Tradition, Herrscherdynastien und Ehrgefühl. Keine Burg ist uneinnehmbar, das lehrt die Geschichte, auch eure. Letztlich geht es immer ums Geld.“

Yuna blieb abrupt stehen und drehte sich Carl zu. „Du bist total verrückt und …“

„Ich bin kein Idiot, ich will einen Deal mit ihnen aushandeln, Yuna“, fiel Carl ihr ins Wort. „Eine Win-win-Situation herbeiführen.“

Yuna fixierte seinen Blick. „Zu welchem Preis, Carl? Bin ich der Gewinn?“, herrschte sie ihn an. Carl schaute Yuna besonnen in die Augen und schwieg.

„Du meinst es wirklich ernst“, flüsterte sie gebannt. „Ja, zum ersten Mal in meinem Leben erkenne ich einen tieferen Sinn in dem, was ich tue.“

„Wir kennen uns erst eine kurze Zeit, wie kannst du dir darin sicher sein?“, hauchte sie ihm zu. „Das bin ich mir nicht. Heute Morgen, als du schlafend neben mir lagst … es ist nur ein Gefühl, Yuna. Und ich will, dass es nicht aufhört. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt sich der wohlhabende, attraktive Mann wirklich bereichert, Yuna. Ich wäre ein Idiot, wenn …“

Yuna legte einen Zeigefinger an seine Lippen, kam näher, tupfte ihm dann einen sanften Kuss auf die Lippen und schaute ihn eindringlich an. „Yorishiro, Carl“, flüsterte sie ihm zu, „ich fühle es ja auch. Zum ersten Mal.“

Carl zog sie an sich und schaute sie verwundert an. „Was bedeutet das, mein Engel?“ — „Ich weiß es noch nicht … mein irischer Bezwinger.“

Carl lächelte und gab ihr einen innigen Kuss.

„Lass uns weitergehen. Ich will dir einen Schrein zeigen, er steht gleich dort hinten innerhalb eines märchenhaften Haines“, säuselte sie vergnügt. Carl lachte leise auf, und schaut sie verliebt an. „Komm schon, mein großer, blonder Held“, rief Yuna fröhlich auf, trippelte los und zog ihn dabei ungeduldig an der Hand.

Yuna klatschte zweimal in die Hände, verbeugte sich und wandte sich wieder Carl zu, der sie aus angemessener Entfernung beobachtete.

„Wir sollten einmal nach Komaki fahren“, meinte Yuna, nachdem sie kurze Zeit vor dem Schrein, der den Seefahrern und der Schifffahrt geweiht war, im Gebet verharrt und dort ein kleines Holztäfelchen aufgehängt hatte.

„Was gibt es dort zu sehen?“, fragte er, legte seinen Arm um ihre Taille und flanierte mit ihr weiter durch das Tempelareal.

„Es ist sehr schön dort. Es wird dir gefallen. Mitte März findet dort ein Festival statt, das Honen-Matsuri, ein Fruchtbarkeitsfest. Es wird um reiche Ernte, Wohlstand und gesunden Kindersegen gebeten. Oder wir fahren nach Inuyama und schauen uns die Penisprozession an, ebenfalls ein Fruchtbarkeitsfest.“

Carl lächelte zunächst amüsiert, wurde jedoch nachdenklicher, da er ahnte, dass Yunas Vorschlag nicht von ungefähr kam, und begann sich zu erinnern. Er dachte an ihr erstes intimes Zusammentreffen, an die Theateraufführung. „Phallus“, meinte er halblaut.

Yuna warf ihm einen aufmerksamen Blick zu, hielt sich aber zurück, etwas zu sagen.

Carl kam ins Grübeln, versuchte, zwischen den Hinweisen, die Yuna ihm im Verlauf der gemeinsam verbrachten Zeit und mit dem heutigen Besuch der Burg und des Tempels zu geben beabsichtigte, einen Zusammenhang herzustellen.

„Wer ist der General, der nicht tun kann, was er gerne tun will, Yuna?“

Sie löste sich aus seiner Umarmung, nahm ihn an die Hand.

„Es ist schwierig zu verstehen, Carl.“ — „Für jemanden wie mich, meinst du? Kommt auf einen Versuch an.“

Yuna zögerte mit einer Antwort. „Ich gehöre ihm.“ — „Er war gestern Nacht anwesend?“ — „Ja.“ — „Dein Vater.“ — „Nein. Herr Shimura, er ist … er war ein guter Freund meines Vaters.“ — „Und dein Vater weiß nichts von alldem?“ — „Nein, er weiß es nicht. Für Herrn Shimura bin ich so etwas wie ein Kami, eine gottähnliche Personifikation. Schon in der Zeit, als ich ein Kind war, behandelte er mich wie eine Prinzessin. Er verehrte mich, sagte mir oft, wie schön und klug ich sei, wie anmutig und rein. Meine Eltern dachten sich nichts dabei, wenn sie es mitbekamen. Sie nahmen es gütig hin, fühlten sich als Eltern geehrt, waren stolz und maßen Shimuras Überschwang keinerlei Hintersinn bei. Shimura und seine Frau … sie konnten keine Kinder bekommen.“ — „Hat er dich jemals angefasst?“ — „Nein, nie. Ich bin für ihn unantastbar, und doch will er mich, so muss du es sehen. Er begleitet mein Leben wie ein Schatten.“

„Verstehe.“ Yuna hielt inne, stellte sich vor ihn. „Sei mir nicht böse, Carl, aber ich glaube nicht, dass du es verstehst.“

„Ein Kami …?“, sinnierte Carl nachdenklich. „Dein Vater und dieser Shimura sind keine Freunde mehr?“

Yuna schaute sich um. „Lass uns dort drüben auf eine Bank setzen.“ — „Ja, und dann erzähl mir bitte Genaueres.“

„Vater und Herr Shimura waren beide in meine Mutter verliebt“, begann Yuna. „Mein Vater kam aus gutem Hause, seine Familie war gesellschaftlich und finanziell besser gestellt als Shimuras. Vater bekam meine Mutter, heiratete sie. Mutter starb, als ich 15 Jahre alt war. Mein Vater hat es nie verwunden, ist daran fast zerbrochen. Sein Geschäft litt ebenfalls unter seinem Unglück, es lief immer schlechter. Shimura hatte es in der Zeit zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht, sah seine Chance. Er bot ihm an, mich in seine Familie aufzunehmen, bis Vater sich gefangen hätte. Vater lehnte es ab. Shimura gab Vater die Schuld am Tode meiner Mutter. Es kam zu einem heftigen Streit, in dem sie ihrer Freundschaft aufkündigten. Shimura hielt den Kontakt zu mir aufrecht. Ich war zu jung, zu ahnungslos, Carl.“

Yuna hielt einen Moment inne. „Shimura sagte mir einmal, in mir würde meine Mutter weiterleben. Ich sei sie.“

„Das klingt total verrückt. Ich meine, die Sache mit der göttlichen Personifikation.“ — „Ich kann mir denken, wie schwierig es für dich sein muss, so etwas nachvollziehen zu können.“ — „Ich habe Japan und eure Lebensart immer als modern und aufgeschlossen beurteilt“, sinnierte er leise. „Das sind wir, Carl, auf unsere Art.“

Carl schwieg, dachte nach, nahm ihre Hand und schaute Yuna an. „Er kann nicht über dein Leben bestimmen. Du bist ein freier Mensch.“ — „Shimura kann. Er bestimmt, ob jemand frei ist oder nicht. Ich habe dir von meinem Freund erzählt, einem Studenten, in den ich verliebt war, du erinnerst dich?“ Carl nickte. „Er war unbedeutend, musste gehen, Carl, das Land verlassen, sonst … ich gehöre Herrn Shimura. Aus diesem Grund habe ich Angst um uns beide.“ — „Und dein Vater? Er bekommt von alldem nichts mit?“

Yuna schaute verlegen auf ihre Hand, die Carl mit seinen Händen umschloss. „Er ist stolz auf seine Tochter, sieht mit Freude meinen beruflichen Werdegang. Einen Freund zu haben, gar eine Ehe einzugehen, hält er für zu früh. Er sieht mein Leben, mein berufliches Vorwärtskommen mit Genugtuung und denkt, seine Tochter sei vernünftig genug, den richtigen Weg zu gehen. Vater darf nie erfahren, was ich tue. Er würde an dieser Schande zugrunde gehen, kenne er die Wahrheit, erführe er, für und durch wen ich das alles auf mich nehmen muss, Carl, er würde Shimura …“

„Denkst du nicht auch, dass es für General Shimura gefährlich ist, einen Geschäftspartner in einem Hotel seines ehemaligen Freundes unterzubringen, um dann dessen Tochter auf diesen Mann anzusetzen, um mit ihrer Hilfe von ihm Firmeninterna in Erfahrung zu bringen?“ — „Es bereitet ihm Vergnügen, Carl.“ — „Ist wohl so etwas wie unstillbare Rache, grenzenloser Hass.“ — „Nichts ist so billig, dass es umsonst wäre“, sinnierte Yuna leise.

„Niemand hat mit Liebe gerechnet, Yuna“, flüsterte Carl ihr sanft zu und wischte ihr eine Träne von der Wange.

Yuna nestelte nach einem Taschentuch in ihrer Handtasche, tupfte sich die Wangen und schaute Carl schüchtern an. „Ja, du hast recht. Willst du bei mir bleiben?“ — „Im Land meiner Träume? Ja natürlich. Vergiss nicht, ich bin Ire. Iren lieben grenzenlos.“

Yuna lachte verhalten auf und schaute weltvergessen auf ihre Hände. „Ich fragte mich, ob es nicht zu früh sei, dich dies zu fragen. Ja, ich liebe dich, Carl Holmer, und ich habe entschieden, dich in mein Leben zu lassen, dein Glück mit meinem zu verbinden. Dafür habe ich gebetet.“

Yuna steuerte den Wagen auf die Stadtautobahn in den stockenden Verkehr, der langsam zum Stillstand kam. „In einer Stunde kommt Misaki zu mir.“

Carl schaute Yuna einen Moment unschlüssig an. „Möchtest du unter vier Augen mit ihr sprechen?“

„Nein, ich möchte, das du sie kennenlernst.“ — „Sie ist recht hübsch, das meine ich jedenfalls erkannt zu haben, so aus der Entfernung … trotz ihres unansehnlichen Stylings“, neckte er.

Yuna schaute ihn ungnädig an, und spitzte dabei ihren Mund. „Sie mag keine Amerikaner. Iren erst recht nicht. In Misakis Augen sind Europäer unkultiviert“, erwiderte sie bärbeißig. Carl lächelte spitzbübisch, deutete ihr vergnügt einen Kuss an.

„Wage es nicht, Carl“, hielt sie mit bedrohlich klingender Stimme dagegen. „Dann muss sie wohl verdammt gut aussehen, wenn Mal sie keine Stofffetzen trägt.“ Yuna schmunzelte zunächst, legte einen Gang ein und ließ den Wagen ein paar Meter vorrollen. „Ja, sie ist attraktiv und meine engste Freundin.“ — „Also auch im wahren Leben.“ — „Wie meinst du das?“ — „Sie hat deine Rolle übernommen.“ — „Ja, hat sie.“ — „Dann war Misaki ursprünglich für die Rolle der Prinzessin vorgesehen.“ — „Ja. Wieso?“ — „So langsam verstehe ich.“ — „Was genau verstehst du?“ — „Sag ich dir hinterher, Yuna. Jedenfalls bin ich gespannt.“

Eine Weile schwiegen sie. Während sich Yuna im ständigen Stop and Go in Geduld zu üben schien, nagten in Carl weitere Fragen.

„Du schläfst mit ihr, ich meine …?“, setzt er behutsam an. Yuna seufzte auf. „Kannst du bitte noch warten, wenn du mir schon nicht auf meine Fragen Antwort geben willst?“, erwiderte sie gereizt. „Sorry, ich will dir damit nicht auf die Nerven gehen und auch nicht zu nahe treten.“

Mist, konstatierte Carl in Gedanken, das ist wohl ein wunder Punkt bei ihr. Besser, du hältst dich zurück. Lee hat mich ja vor asiatischen Frauen gewarnt, aber wirklich anders als unsere Mädchen sind sie auch wieder nicht, mutmaßte er bissig.

Yuna nahm den Gang raus, zog die Handbremse energisch an, schaltete das Radio ein und nach wenigen Sekunden wieder aus.

Sie lehnte sich in den Fahrersitz und schaute aus dem Seitenfenster.

„Tut mir leid, Carl … ja, es kommt vor. Wir schlafen gelegentlich miteinander. Es gibt Momente, in denen wir kein Theater spielen“, erwiderte sie ambig. „Aber deswegen kommt sie heute nicht zu mir“, setzte sie hinzu.

Carl schwieg einen Moment. „Darauf wollte ich nicht hinaus, Yuna“, meinte Carl kleinlaut. „Es war leichtfertig und rücksichtslos von mir.“ — „Schon gut, Carl, es liegt nicht an dir, ich bin ein wenig aufgedreht. Misaki und ich,“ hob sie leise an. „Misaki und ich, wir mögen uns sehr, vertrauen einander. Wir stehen uns in allem sehr nahe. Hin und wieder ist uns nach Zärtlichkeit. Ist das unangenehm für dich? Im Übrigen hab ich mit Misaki über dich gesprochen“, fügte sie hinzu, ohne seine Antwort abzuwarten. — „Du kannst ihr vertrauen, sagst du?“ Yuna drehte sich ihm zu. „Ja, absolut.“ — „Sie weiß seit Längerem, was zwischen uns läuft?“ Yuna schaute auf ihre Finger, begann, an einem ihrer Ringe zu spielen.

„Eines Nachts, als ich wieder Mal nicht schlafen konnte und am Fenster stand, hab ich sie angerufen. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich ernsthaft in dich verliebt hätte. Sie arbeitet, wie ich, für Shimura. Misaki geht es nicht viel anders als mir, sobald es um Informationsbeschaffung geht. Wenn es sich ergeben sollte, ich einen Zeitpunkt für geeignet hielte, möchte sie dich kennenlernen. Ich habe sie gebeten, heute zu mir zu kommen.“

Ein Hupen ließ Yuna in den Rückspiegel schauen. Der Stau löste sich allmählich auf. Den Weg bis zu Yunas Penthouse saßen sie schweigend nebeneinander. Yuna lenkte den Wagen in die Einfahrt der Tiefgarage. Sie hielt auf ihrem Parkplatz, stellte den Motor aus, zog den Zündschlüssel ab und schaute Carl an. „Du wirst sie mögen, auch wenn sie keine Amerikaner mag.“ Carl lächelte. „Keine Sorge, mein Engel, ich weiß mich in Gegenwart einer Königstochter durchaus zivilisiert zu verhalten.“

Carl schlüpfte aus den Schuhen, stellte sie neben Yunas auf die Schuhablage, zog sich Hausschuhe über und hing seine Jacke auf einen Kleiderbügel. Yuna ging Richtung Küche.

Carl betrat den Wohnraum, legte sich auf die Couch und starrte an die Decke. „Etwas zum Trinken, Carl.“ — „Ja, danke, Schatz.“ Yuna stellte Carls Getränk auf den Tisch und setzte sich auf den Rand der Couch neben ihn. „Woran denkst du?“, fragte sie, nippte an ihrem Drink und stellte es auf den Tisch.

Carl schaute sie an, strich ihr mit einer Hand durch ihre Haare und berührte sanft ihre Wange. „An gar nichts. Ich bin glücklich, Yuna.“ Er fühlte mit dem Daumen über die Konturen ihrer Lippen und schaute ihr in die Augen. „Du bist so wunderschön, Yuna.“ Yuna nahm seine Hand, schloss ihre Augen und schmiegte ihrer Wange an seine Handfläche. „Dir glaube ich es.“

Yuna stellt ihren Drink beiseite, kuschelte sich an ihn und legte ihren Kopf auf seine Brust. Carl nahm sie in den Arm. Er genoss den blumigen Duft, der ihren Haaren entströmte. Eine Weile lagen sie ruhig beieinander. Schließlich hob Yuna ihren Kopf, stützte ihn mit dem Kinn auf seine Brust und sah Carl vergnügt an.

„Meine Mutter stammt aus Inuyama.“

Carl grübelte. „Ach ja? Die Sache mit dem Phallus. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm. Was willst du jetzt von mir?“ — „Gar nichts. Das solltest du nur wissen. Ist nicht unwichtig zu wissen, wo jemand seine Wurzeln hat. Eine Frau, der du beteuerst, dass du sie liebst, solltest du ernst nehmen.“ — „Entschuldige, Yuna. Ich bin ganz bei dir.“ — Yuna schaute ihn sauertöpfisch an.

„Dann höre mir gefälligst zu und weich nicht vom Thema ab“, murrte Yuna.

„Deine Mutter, sie war sicher so schön wie du.“ — „Ja, das war sie“, flüsterte Yuna und senkte ihren Blick. „Sie war eine Miko, eine Schrein-Dienerin. Sie sagte mir einmal, dass ich, wenn ich eine mündige, reife Frau bin, einen Mann kennenlerne, mit dem ich sehr glücklich sein, mit ihm viele Kinder und ein langes Leben haben werde. Und das dieser Mann so etwas wie ein Sentyo, ein Kapitän sei.“ Yuna hob ihren Blick und schaute Carl vorwitzig an. „Ich frage mich bis heute, ob ich das wörtlich zu nehmen habe.

„Ein Kapitän“, sinnierte Carl. „Mit Lee fahre ich gern zum Hochseeangeln, wenn ich nicht zu Hause sein kann. Ist ein gemeinsames Hobby. Ich hab ihn dieses Jahr wieder eingeladen. Auf die Bahamas. Ich besitze dort ein Boot. Dann wollen wir wieder zum Angeln raus fahren. Genügt dir das, oder möchtest du dich einmal selbst davon überzeugen?“ — „Die Strände dort sollen sehr schön sein“, raunte sie, glitt an ihm hoch und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss.

Die Türglocke erklang. „Das ist Misaki“, flüsterte Yuna. „Zieh dir dein Jackett über.“

Yuna erhob sich, zupfte sich ihre Bluse zurecht und ging zur Tür. Sie betätigte die Gegensprechanlage, sprach in ihrer Muttersprache ins Mikrofon, worauf aus dem Lautsprecher eine fröhliche und recht lebhafte Antwort erklang. Carl zog sich sein Jackett über, warf einen prüfenden Blick in den Ankleidespiegel im Foyer und ging zurück in den Wohnraum.

Yuna wartete an der Tür, schaute kurz durch den Türspion, als sie Schritte vor der Tür hörte, und öffnete sie. Jene unbeschwerte, muntere Stimme erklang wieder. Yuna betrat mit Misaki den Wohnraum. Yuna legte ein kleines Geschenk auf den marmornen Esszimmertisch und strahlte Carl an. Misaki lächelte und stellte sich brav vor Carl auf, der sie ungläubig anschaute, da ihn bei ihrem Anblick Zweifel befielen, in dieser Frau jene Gefangene in Lumpen vor sich zu sehen.

„Ich möchte dir Misaki, meine Freundin vorstellen“, sagte Yuna.

Misaki reicht Carl die Hand und begrüßte ihn in ihrer Muttersprache. Sie wirkte schüchtern, fast mädchenhaft in ihrem Auftreten, obwohl Carl davon ausging, dass sie in Yunas Alter war, zudem wusste er, war sie alles andere als unbedarft. Sie trug enge Jeans mit einem breiten Ledergürtel um ihre schmale Taille. Eine hippe Lederjacke, darunter einen rosafarbenen Rollkragenpullover, in passender Farbe zu ihren Turnschuhen und ihre braun gefärbte Ponyfrisur, die knapp an ihre Augenbrauen wie an einer Schnur vorbei geschnitten heranreichte, modisch kurz.

Flotte Kleidung statt Lumpen und von langen schwarzen Haaren zu einem Zopf gebunden, kann auch keine Rede sein, dachte Carl. Aber sie ist die Frau aus dem Theaterstück, daran gibt es keinen Zweifel.

„Es freut mich, ihre Bekanntschaft zu machen.“ — „Es ist mir ein Vergnügen“, erwiderte Misaki mit glockenheller Stimme und markantem Akzent. Ihre Augen funkelten schwarz, als sie ein strahlendes Lächeln auflegte.

„Gib mir deine Jacke, Misaki“, sprach Yuna sie auf Englisch an. Misaki zog sich die Jacke aus, und nickte Yuna zu.

„Du warst shoppen, Misaki?“

Misaki lächelte, sprudelte redselig auf Japanisch los, stellte ihre lackglänzende Handtasche auf die Couch und holte aus dem Foyer eine Einkauftasche einer namhaften Modekette herbei, mit deren Pendant auch so manche Ladys über die 5th Avenue zu tingeln pflegten. Misaki entnahm einem kleinen Karton ein hauchdünnes rosafarbenes Kleid, hielt es sich vor den Körper und sprach Yuna darauf an.

„Gefällt es dir auch, Carl?“, meinte Yuna und warf ihm einen Blick zu. Misaki wendete sich zu Carl.

„Ja, es sieht bezaubernd aus.“ Misaki lächelte, verneigte sich kurz. „Bitte entschuldigen sie, ich werde daran denken, Englisch zu sprechen.“ — „Kein Problem, die Sprache, deren Frauen fähig sind, sorgt international für keinerlei Missverständnisse“, erwiderte Carl und setzte sich auf die Couch.

Yuna lachte und schaute Misaki an, die etwas befremdet dreinschaute. Yuna übersetzte und zauberte Misaki ein scheues Lächeln in ihr juveniles Gesicht. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, wandte sie sich Yuna zu.

Yuna öffnete das Geschenk.

„Oh, der ist schön, ein kleiner Stern.“ — „Ein Glücksbringer“, meinte Misaki vergnügt. Sie legte ihr Kleid zurück in den Karton, half Yuna dabei, sich das silberne Kettchen um den Hals zu legen. Yuna gab Misaki einen Kuss auf die Wange. „Danke, Misaki, sie gefällt mir sehr. Komm, setzt dich, möchtest du etwas trinken?“ — „Ja, eine Limonade.“

Sie setzte sich kerzengerade auf die Couch gegenüber, schlug ihre schmalen Beine übereinander und legte ihre Arme darauf. Yuna brachte das Getränk, nahm neben Carl platz, der sich fragte, wie sich die Unterhaltung mit Misaki entwickeln würde. Denn zu einem vertraulichen Kennenlernen hatte sie Yuna ja offenbar gebeten. Aber ich überlasse es Yuna, das Eis zu brechen, sinnierte Carl, obwohl mir einige Fragen auf der Seele brennen, die ich Misaki gern stellen möchte.

„Warst du gestern abend noch lange dort?“, fragte Yuna. Misaki schaute Carl an. Sie schien nun etwas nervös. Misaki nickte Yuna zu.

„Ja, wie immer. Es war vernünftig, dass du … dass ihr direkt nach der Vorstellung das Theater verlassen habt. Es war nicht so, wie sie erwartet hatten. Ich machte mir die ganze Zeit Sorgen. Kawahara, dieser Hund, war außer sich, als er es kurz vor der Aufführung erfuhr. Ich denke, er hat sich danach einiges anhören müssen.“

„Er hat mich heute Morgen angerufen.“ — „Und mich Nachmittags, Yuna.“

„Was wollte er?“ — „Honoka, ich soll mich mit ihr treffen.“ — „Nur mit ihr?“ — „Nein. Es wird noch jemand anwesend sein.“ — „Sie ist gierig aber unbedeutend.“ — „Ich weiß, Yuna.“

Misaki griff nach ihrer Limonade. „Es wird seinen Grund haben, warum ich zu ihr soll.“

„Hat jemand gestern Abend nach mir oder Carl gefragt?“ Misaki lächelte. „Niemand. Aber sie haben dich sicherlich vermisst“, erwiderte sie. Es klang sarkastisch. „Ich hoffe, du weißt, was du tust.“

„Carl weiß so gut wie alles über mich, Misaki.“

Misaki schaute Carl sanft an. „Es ist schön, dass ihr euch liebt. Ich freue mich für euch. Gib auf Yuna acht.“

„Das habe ich vor“, antwortete Carl mit fester Stimme. „Sie spielen nicht nur Theater“, meinte Carl mit fragendem Unterton. Misaki sah ihn verdutzt an, begann dann zu lächeln. „Ich bin Privatsekretärin. Arbeite in einer Zweigstelle des Konzerns in Tokyo, bin aber auch oft zu Meetings unterwegs. Yuna und ich kennen uns schon lange.“ Misaki warf Yuna einen kurzen Blick zu.

Kein Grund vorsichtig zu sein, ich habe schon verstanden, dachte Carl.

„Yuna hat mir erzählt, dass ihr eng befreundet seid.“

Misaki nickte. „Wir sind wie Geschwister. Aber wir zeigen es nicht. Nicht öffentlich, Sie verstehen?“ — „Ihr spielt Theater.“

Yuna schaute Misaki abwartend an.

„Wir mögen uns, und wir mögen Sex“, erwiderte Misaki unbefangen. „Das ganze Leben ist eine Illusion“, fügte sie hinzu, senkte den Blick und betrachtete ihre Hände.

Nach einem Augenblick hob sie ihren Kopf und schaute Carl an.

„Wir könnten uns küssen, als seien wir Verliebte, miteinander schlafen wie ein Ehepaar. Es wäre schön für uns beide, aber Yuna zu küssen, mit ihr zu schlafen, hat für uns beide eine andere Bedeutung“, sagte sie hintergründig. „Ja, Herr Holmer, wir spielen Theater. Jedes Mal. Das Gute wie das Schlechte ist wahr, und beides sind Dinge dieser Welt.“

Carl war einen Moment sprachlos. Er vermochte nur zu ahnen, was sie ihm damit zu verstehen geben wollte. Er fragte sich, wer Misaki war, was für ein lebhafter Geist sich hinter ihren wachsamen Augen verbarg. Dieses zarte, mädchenhafte Geschöpf, das in ihrem hippen Outfit wie jede moderne, junge Frau aussah, die durch Modeläden schlendern, wie man sie für gewöhnlich in den Großstädten dieser Welt vorfinden konnte. Aber nur wenige jener Mädchen, so vermutete er, trügen solch tief schürfende Einsichten mit sich, um sie bei Gelegenheit so überzeugend vorzubringen.

„Waren Ihnen einige Szenen in ihrer Bedeutung fremd?“, meinte Misaki und holte Carl aus seinen Gedanken. „Ja, Yuna gab mir Hinweise, was sie bedeuten.“

„Mögen sie es für sich selbst?“ — „Was meinen Sie, Misaki?“ — „Man wird sie wieder einladen. Wir werden uns womöglich begegnen. Haben Sie darüber gesprochen?“ Carl schaute Yuna an, die sich mit einer Antwort anscheinend zurückhalten wollte.

„Sie sollten wissen, dass es mir nichts ausmacht“, meinte Misaki. „Yuna weiß das, nicht wahr, Yuna?“ Yuna nickte zustimmend. „Ja, es könnte sich ergeben.“

Misaki machte in diesem Moment auf Carl den Eindruck, als sei sie wegen Yunas Antwort irritiert. Sie schaute Yuna fragend an. „Ist es dein Wunsch, dass ich gehe, Yuna?“ Yuna schaute Carl an. „Nein, bleib bei mir.“

Misaki rollte verlegen mit den Lippen. „Ich bitte, mich zu entschuldigen.“ Sie stand auf, und ging Richtung Badezimmer.

Yuna stand ebenfalls auf und machte sich auf den Weg in die Küche. Carl folgte ihr. Sie entnahm einem Schrank Essgeschirr. Er stellte sich nahe hinter sie, nahm sie in den Arm. Yuna hielt inne.

„Ich werde dich nicht mit ihr teilen, Yuna“, flüsterte er ihr mit ernster Stimme ins Ohr. „Ich weiß, du kannst es nicht verstehen. Es liegt nicht an dir. Sie ist wie ein Teil von mir, doch ist es ein Teilen. Du musst es nicht verstehen. Ich bitte dich nur, es verstehen zu wollen. Sieh es mit meinen Augen. Bleib bei mir und lasse deine Bedenken fallen.“

„Theater?“

„Nein. Es liegt bei dir.“ — „Hast du sie deswegen hieher bestellt? Im Auto hörte sich das für mich anders an.“ — „Ich bestelle sie nicht. Sie ist eingeladen. Wie du. Du hast es noch nicht verstanden, nicht wahr? Liebe verlangt nichts, Carl. Du besitzt mich nicht, und ich besitze dich nicht.“

Yuna hatte gegen Abend Essen kommen lassen. Sie saßen gemütlich bei Tisch, unterhielten sich während des Essens angeregt. Sie räumten den Tisch ab, machten es sich im Anschluss auf den Couchgarnituren bequem. Misaki setzte sich Carl gegenüber, rutschte in eine Ecke der Couch, stelle die Beine auf die Sitzfläche und legte sich eine Tüte mit Cookies auf den Bauch. Yuna setzte sich neben sie. Misaki beobachtete Carl aufmerksam, stellte ihm unentwegt Fragen. Sie wollte vieles über New York in Erfahrung bringen. Das Leben dort, die Menschen, das weite Land mit seinen Sehenswürdigkeiten. Ihr größter Traum sei es, einmal in Las Vegas zu sein, um sich die wunderschönen Spielkasinos anzusehen und natürlich, um dort zu spielen. Sie liebe den Lebensstil und die Freiheit, die Menschen dort genössen.

Offenbar ist sie Amerikanern und der westlichen Kultur gegenüber alles andere als abgeneigt, dachte Carl amüsiert.

„Besitzt du auch ein Motorrad, Carl?“ — „Nein, ich habe leider kaum Gelegenheit Motorrad zu fahren. Aber ein paar Freunde von mir fahren Motorrad. Hin und wieder leihe ich mir eines für einen Nachmittag, um mit ihnen zu fahren. Wie gesagt, es kommt selten vor. Zu selten.“ — „Misaki fährt Motorrad“, meinte Yuna munter.

„Ja. Manchmal fahre ich zusammen mit Freunden Motorrad. Ich fahre selbst und schnell. Die Polizei ist sehr streng. Es macht Spaß“, erwiderte Misaki. Sie nippte an ihrem Getränk und schaute Carl mit funkelnden Augen an.

Carl lächelte. „Das ist in den Staaten nicht anders. Unsere Polizei ist ebenfalls sehr streng“ — „Aber euer Land ist viel größer, da kann die Polizei sicher nicht überall sein“, erwiderte sie amüsiert.

Sie schaute Carl einen Augenblick an. „Sind amerikanische Frauen wie wir? Ich meine, ich kenne zwar Frauen aus dem Westen, aber gibt es für dich einen Unterschied?“, wechselte sie mit einem Mal das Thema.

„Ich denke nicht, dass es große Unterschiede gibt.“ — „Kleine also?“ Carl trank einen Schluck Bier und schaute sie verschmitzt an. „Manchmal sind es die kleinen Dinge, die den besonderen Unterschied ausmachen.“ — „Viele Frauen hier wollen so aussehen wie westliche Frauen. Sie färben ihre Haare, tragen Mode aus Italien. Yuna färbt sich die Haare nicht. Sie ist hübsch, nicht wahr?“

„Ich mag nicht nur an Yuna, wie sie ihr Haar trägt und sich kleidet. In ihrem Wesen ist sie für mich unvergleichbar schön.“ — „Ja, das ist sie. Dazu recht groß und sehr klug.“ Yuna schmunzelte und schaute Misaki an. „Lange, schwarze Haare gefallen mir an dir ebenso, Misaki.“

Misaki begann, verlegen zu grinsen, während sie auf einem Cookie kaute. „Diese Rolle spielst du besser als ich“, entgegnete sie, schaute Carl an und fingerte in der Tüte nach einem weiteren Reiscookie. „Und du die kleine Prinzessin“, sagte Yuna.

Misaki lachte und schaute Carl einen Moment tiefschürfend an. „Carl könnte einen wohlhabenden Kaufmann aus Übersee spielen, oder einen stürmischen Entdecker und Eroberer. Sogar einen Diener seines christlichen Gottes, der das alte Reich besucht, um dem Kaiser seine Aufwartung zu machen“, meinte sie vergnügt.

„Du bietest mir eine Rolle in einem Theaterstück an? Ich bin ein miserabler Schauspieler“, erwiderte er ambig.

Misaki fixierte ihn einen Augenblick.

„Ein Kaiser hat zwei Töchter, die ältere ist gutherzig, aber unansehnlich, die andere kaltherzig, jedoch wunderschön“, begann Misaki. „Die Töchter stehen sich sehr nahe, leben einträchtig miteinander, aber entflammen in Liebe, buhlen um die Zuneigung des stattlichen, goldblonden Fremden“, meinte sie bedeutungsvoll, „doch nur eine, so scheint es ihm, kann sich seiner Liebe würdig erweisen“, setzte sie mit neckischer Miene hinzu.

„Er kommt beiden sehr nahe“, meinte Yuna, „und erlebt mit einer jeden einen unvergesslichen Augenblick. Die eine bezaubert ihn durch die Schönheit ihrer Gestalt und einem anmutigen Tanz bei Sonnenaufgang in einem Hain blühender Kirchbäume. Die andere betört ihn durch die Herzlichkeit ihrer klugen Worte, während eines Gespräches in einer Mondnacht auf einem Berg.“

„Ein christlicher Priester kommt für die Rolle des Fremden wohl eher nicht infrage“, meinte Carl verschmitzt.“

„Er müsst bereit sein, seinem Gott abzuschwören, weil er sich unsterblich in die Prinzessinnen verliebt hat und er muss deren Glauben, Riten und Gebräuche annehmen. Denn er ist sich bewusst, er würde der neue gottgleiche Kaiser des fremdländischen Volkes sein,“ meinte Misaki. „Der Fremde vereinigt sich am Ende mit seiner Auserwählten und erschafft mit seinem Samen ein noch nie da gewesenes, mächtiges Reich.“

Yuna hörte Misaki vergnügt zu und nahm einen Schluck Cola. „Ich spiele natürlich die kaltherzige Prinzessin“, meinte Misaki kauend. Yuna verschluckte sich, hielt eine Hand vor ihrem Mund, hüstelte und lachte dann schallend auf.

„Eine interessante Geschichte. Der Zuschauer dürfte gespannt sein, für welche der beiden Prinzessinnen sich der stattliche Fremde entscheiden wird“, meinte Carl mit ironischem Unterton.

Misaki schaute ihn an. „Das hängt vielleicht davon ab, in welche der drei Figuren der Fremde auftreten wird“, erwiderte Misaki tiefgründig.“

Carl sinnierte einen Moment darüber nach. „Und was ist mit dem Kaiser? Der spielt doch in dem Theaterstück auch eine wichtige Rolle, oder etwa nicht?. Ein Kaiser hat zudem eine Kaiserin?“

„Kriege haben sein Reich geschwächt, in Armut gestürzt und das Volk leidet unter der Willkür der Shogune. Sie kämpfen untereinander um die Macht. Die Kaiserin wurde entführt und grausam ermordet. Des Kaisers Herz ist gebrochen und sein Körper tödlich erkrankt. Kein Sohn, der ihm nachfolgt, das Reich wieder aufbaut und eint. Alle Hoffnung scheint verloren. Aber der Kaiser sieht in dem Mann trotz erster Bedenken den Erretter, der weise Entscheidungen treffen wird. Er verschaffte sich über ihn Gewissheit, denn er befragt die Astronomen. Sie erstellen ein Horoskop, das einen hochherzigen, mächtigen Drachen weissagt, der aus dem Wasser steigen und dem Reich zu neuer Blüte verhelfen wird,“ verriet Misaki, während sie an einem Cookie knabberte. Sie hielt Yuna die Tüte hin, die sich daraus bediente.

„Eine schwierige Situation“, meinte Carl und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Das hört sich alles sehr dramatisch an. Ist das eine von diesen asiatischen Sagen, die man sich hier erzählt?“ — „So was in der Art,“ meinte Misaki, „ein dramatisches Stück, aber mit einem glücklichen Ende. Yuna und ich haben uns diese Geschichte ausgedacht. Wir wollen das Stück im Theater aufführen. Naja, wir müssen noch ausgiebig proben. In wessen Rolle würdest du schlüpfen und für welche Prinzessin dich entscheiden? Was meinst du, Yuna, ich denke, er würde sicher den wohlhabenden Kaufmann spielen wollen.“

„Ein stattlicher, goldblonder Drache aus dem Westen verhilft dem Land der aufgehenden Sonne zu neuer Blüte“, resümierte Carl gemütlich.

„Und er ist weise“, erinnerte Misaki. Sie seufzte leise auf, streckte die Beine aus, legte sie auf Yunas Oberschenkel und blickte Carl abwartend an.

„Ich tippe auf den Priester, ja, ich denke, ich würde mich für die Rolle des Priesters entscheiden.

Yuna und Misaki schauten Carl verblüfft an. „Für den Priester? Warum?“, fragte Yuna.

Carl rief sich den gemeinsam verbrachten Vormittag in Erinnerung. Die Besichtigung der Burg, den Tempel, wie Yuna dort im Gebet verharrte, ihre Bemerkung hinsichtlich ihrer Mutter und dem Fruchtbarkeitsfest.“

„Ein Kaufmann denkt nur daran, sein Vermögen durch gute Geschäfte zu vermehren. Der Eroberer hat Unterjochung im Sinn. Beide haben kein aufrichtiges Interesse, die Gewohnheiten anderer Völker zu ihren eigenen zu machen, bei aller Liebe. Ein Priester ist für gewöhnlich ein weiser Mann, sollte er zumindest sein. Aber es wird ihm schwerfallen, seinem Glauben abzuschwören. Aber für die Liebe? Ich gehe mal davon aus, dass die Figur, die er verkörpert, symbolisch für etwas steht, wie die ganze Geschichte. Er wird gottähnlicher Kaiser, und damit auch oberster Priester des Volkes sein. Ich denke, ihr habt die Rolle mit einem Priester besetzt.“

Misaki und Yuna schauten ihn baff an.

„Für eine Langnase nicht schlecht, was?“, sagte Carl. Yuna und Misaki lachten schallend auf.

„Und weiter?“, meinte Yuna vergnügt. „Welche Prinzessin wählt er zur Frau und macht sie damit zur Kaiserin.“

Carl schaute zunächst Yuna und dann Misaki einen Moment andächtig an.

„Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung. Egal, für wen er sich entscheidet, die andere wird sauer sein. Ich habe Mal gehört, es gibt bei euch auch weibliche Ninjas.“

Alle brachen wieder in Gelächter aus.

„Denk daran, die beiden Prinzessinnen stehen sich sehr nahe, obwohl sie so verschieden sind“, meinte Yuna verschmitzt.

„Das ist ja das Drama, wenn man sich nicht entscheiden kann, aber muss. So eine wichtige Entscheidung hat ja weitreichende Konsequenzen. Schließlich geht es ja um das Wohl eines ganzen Volkes“, erwiderte Carl spitzbübisch. „Keine Ahnung, ihr Süßen. Sagt ihr es mir.“

„Er verbringt eine Nacht mit beiden Prinzessinnen, und er entscheidet, mit der Gutherzigen zu regieren. Mit der Kaltherzigen zeugt er ein Kind, um sie nicht in ihrer Ehre zu verletzen, sie zu seiner Gegnerin zu machen, weil er verhindern will, dass das Reich gespalten wird. Gemeinsam erziehen die Drei das Kind und so vereint, erschaffen sie das große Reich. Alles erfüllt sich, wie das Horoskop geweissagt hatte und der Kaiser kann ohne Kummer in das Reich seiner Ahnen gehen. Gefällt dir die Geschichte?“

„Ein unerwartetes Ende. Der goldene Westen, wo die Sonne untergeht, verbindet sich mit dem kirschroten Osten,“ meinte Carl amüsiert. „Schöner Gedanke, wenn da nicht die machthungrigen Shogune wären.“

„Gemeinsam schaffen sie es, sie zu besiegen“, meinte Yuna.

„Wir haben zwar einen Mann, Naruto, der die Rolle des Priesters glaubhaft spielen könnte“, meinte Misaki kokett und schaute dabei Yuna an. Yuna lächelte, wirkte etwas verschämt. Sie machte Misaki eine vorwurfsvolle Miene, als ahnte sie, woran Misaki dächte.

„Aber?“, fragte Carl gemächlich und nahm einen Schluck Bier.

Misaki schaute Carl provokant an. „Naja, es handelt sich auch um ein erotisches Abenteuer und die Zuschauer wollen auf ihre Kosten kommen. Nichts gegen Naruto, aber für die Bettszene wäre eine stattliche Langnase besser geeignet.“

Carl lachte herzhaft auf. „So ist das. Wie euer Märchen, ein ebenso altes Klischee. Da fällt mir Pinocchio ein.“ Einen Moment schaute Carl gedankenschwer auf sein halb leeres Bierglas.

Die süßen Biester haben sich abgesprochen. Verstehe dich Yuna, hängt von mir ab, was ich daraus mache. Es geht aber nicht allein darum, das hab ich auch kapiert, keine Sorge. Ich habe das Gefühl, mein Leben wird nicht einfacher, sondern komplizierter. Lee wird sich totlachen, wenn ich ihm davon berichte, sinnierte Carl und trank sein Bier aus.

„Möchtest du noch ein Export?“, fragte Yuna. „Besser einen Whisky“, erwiderte er und stellte das Glas auf den Tisch. „Ja, gerne“, meinte Yuna. Misaki nahm ihre Beine von Yunas Oberschenkel. „Ich war letzte Woche einkaufen“, sagt Yuna, während sie aufstand und Richtung Küche ging. „Ich kenne ja deine bevorzugte Marke.“ — „Du bist sehr aufmerksam, handelst wie gewohnt vorausschauend“, erwiderte Carl neckisch, worauf Yuna einen vergnügten Gesichtsausdruck machte.

Misaki legte die Tüte Reiscookies auf den Tisch, stand auf, trippelte an der Couch vorbei hinüber zur getönten Fensterfront und schaute hinaus auf die Stadt. Carl betrachtete Misakis zierliche Statur, ihr Gesicht, das sich blass im Glas spiegelte. Kaltherzige Schönheit kam es ihm in den Sinn. Bist hübsch, Misaki, gar keine Frage. Und du hast es faustdick hinter den Ohren. Mimst das schüchterne Mädchen, konstatierte er faustisch, hast dich gestern Abend gut in Szene gesetzt. Wohl auch eine Inszenierung aus der Feder der Prinzessinnen.

Carl zog sich im Sitzen sein Jackett aus, da ihm warm wurde, und legte es über die Couchlehne. Yuna brachte ihm seinen Whisky. „Danke, mein Schatz.“

„Ich habe dir eine frische Limonade mitgebracht, Misaki.“ — „Danke Yuna. Es hat wieder heftig zu regnen angefangen. Gestern Abend hat mich Kawahara nach Hause chauffiert“, meinte sie versonnen, ohne sich vom Fenster abzuwenden.

„Stellt er dir immer noch nach?“ — „Er parkte vor meiner Wohnung, stellte den Motor aus. Er wollte mich, schaute mich abwartend an, berührte mein Knie und sagte, das Stück habe allen über die Maßen gefallen und sei ungemein inspirierend gewesen. Er dachte in dem Moment daran, es sich einfach erlauben zu können, aber in seinen gierigen Augen spiegelte sich auch seine Angst wieder. Ich habe ihm gesagt, dass seine Hand sehr kalt sei und Herr Shimura seinen Lakai sicher bald zurückerwarten würde. Er wurde unbeherrscht, als ich ausstieg, antwortete, ich sei nur eine alberne, eingebildete Hure. Ich habe keine Angst vor ihm, Yuna.“

Yuna ging zum Fenster, stellte sich hinter sie, legte ihre Arme um Misaki und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. „Kawahara ist ein kläffender Hund an einer Kette. Mehr nicht.“ Misaki flüsterte etwas auf Japanisch. Es klang Carl wehmütig. Sie drehte ihren Kopf, hob ihn, schaute Yuna ins Gesicht, gab ihr einen sanften Kuss auf die Lippen und richtete danach ihren Blick auf Carl, der ihr Gespräch aufmerksam verfolgte. Yuna entließ Misaki aus ihrer Umarmung, ging zurück und setzte sich wieder auf die Couch.

Misaki drehte sich ihnen zu. Sie legte ohne jeden Übergang eine freudig strahlende Miene auf. „Ich ziehe jetzt mein neues Kleid an“, jauchzte sie, trippelte zum Foyer, holte den Karton und tänzelte zum Schlafzimmer. „Misaki kann sehr spontan sein, und ist ein wenig flippig“, meinte Yuna besonnen. „Sie wirkt speziell auf ihre Art, aber sie ist alles andere als naiv. Misaki weiß genau, was sie will und ist in ihren Entscheidungen nicht oberflächlich. Magst du sie?“

Carl nickte. „Das dachte ich mir. Ja, ich mag sie. Sie ist in ihrer Art ganz anders als du, ihr beide seid wie Licht und Schatten“, hob er betonend an.

Yuna schaut ihn vergnügt an. „Kennst dich schon ein wenig aus.“ — „Ich lerne schnell. Bei uns sagte man: Gegensätze ziehen sich an.“

Misaki kam zurück ins Wohnzimmer, baute sich auf und drehte eine Pirouette. „Na, was sagte ihr? Bin ich ein zauberhaftes Püppchen?“, fragte sie quietschvergnügt, hielt den Saum des Rocks mit den Fingerspitzen und nahm eine genierliche Pose ein.

„Du siehst süß aus“, meinte Yuna, stand auf und schaute sich das hauchzarte Kleid näher an.

„Honoka wird mir aus der Hand fressen.“ — „Dafür hast du es dir als gekauft?“ — „Nicht nur wegen ihr. Ich kann es auch zu anderen Gelegenheiten tragen. Anstatt der Turnschuhe ein paar elegante, weiße Pumps und eine echte Perlenkette um den Hals, da werden die Männer Augen machen. Nicht wahr, Carl?“ — „Ein wunderschönes Kleid“, erwiderte Carl, dem sofort aufgefallen war, dass Misaki unter dem lichten Gewebe keinen BH trug. „Sehr sexy.“

Misaki blickte an sich herab, strich mit den Händen über das taillierte Kleid bis zum Ansatz des fülligen Rocks, zupfte den Stoff um ihre zierlichen Brüste zurecht, sodass die dunklen Vorhöfe noch deutlicher zum Vorschein kamen, und schaute Carl an.

„Sind sie geil?“

Carl lachte. „Du meinst sicher, ob das Dekolleté reizvoll aussieht?“

„Nein. Meine Titten, und ob Sie geil sind, Herr Holmer“, erwiderte sie formell. „Auf einem gesellschaftlichen Empfang, einer Party oder wenn ich einen Mann in einer Bar anzusprechen hätte, würde ich selbstverständlich einen BH unter dem Kleid tragen“, erklärte sie, ohne eine Antwort abzuwarten. „Aber ich würde ihm im richtigen Moment die gleiche Frage stellen.“ Einen Augenblick hielt sie inne. „Keine Sorge, ich mag dich, Carl. Nicht nur, weil du gut aussiehst und viel jünger bist als die meisten Männer und Frauen, an die ich herantrete. Yuna hat sich in dich verliebt und du dich in sie. Yuna hätte auch mir die Angelegenheit überlassen können. Aber sie hat sich im letzten Moment anders entschieden.“

Carl schaute sie zunächst verwundert an, ahnte schließlich, was sie ihm zu verstehen geben wollte.

„Das war kein Zufall“, erwiderte Carl mit fragendem Unterton. „Wie man es nimmt. Du solltest mich bekommen und jetzt stehen wir beide vor dir. Es liegt an dir, Carl“, meinte sie ambig.

„Du warst auch in der Hotelbar?“ — „Ja, ich saß an einem Tisch im Hintergrund.“

Carl schaute Yuna und Misaki erstaunt an. „Aber ihr seid keine Geschwister.“

Yuna und Misaki lachten heiter auf. „Nein, aber Prinzessinnen“, gluckste Misaki und deutete Carl einen gespielt ehrfurchtsvollen Kniefall an. Carl schüttelte sprachlos den Kopf, nahm dann einen kräftigen Schluck Whisky. „Ich werde jetzt auch einen Whisky probieren“, meinte Misaki ausgelassen. „Zur Feier des Tages. Gibst du mir einen Schluck?“

Carl erhob sich, reichte Misaki sein Glas.

„Auf das Glück und die Liebe.“ Sie nippte und schaute Carl dabei an. „Ist Black Bush, nicht wahr?“ — „Du kennst dich aus?“ Misaki zog ihm eine vielsagende Schnute. „Ein wenig. Hab so meine Erfahrungen“, meint sie kokett, gab ihm das Glas zurück und wendete sich Yuna zu. „Es ist spät geworden. Ich gehe mich umziehen.“ Yuna nickte. Misaki holte eine kleine Tasche aus dem Foyer, ging zurück zum Schlafzimmer, kam mit ihren Sachen heraus und zog sich ins Gästezimmer zurück.

Yuna schaute Carl an. Ihr Blick wirkte unsicher. „Müde?“, fragte er sanft.

„Ja, ich räume nur noch etwas auf, gehe schon Mal ins Bad, Carl.“

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